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DIE AUSGANGSSITUATION IN DER MEDEA SENECAS UND IHRE ... · PDF fileDie Ausgangssituation in der Medea Senecas 329 men.2 Unbestritten ist, daß Seneca die Medeia des Euripides kann-te

Aug 30, 2019

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  • DIE AUSGANGSSITUATION IN DER MEDEASENECAS UND IHRE BEDEUTUNG

    FR DAS VERHLTNIS ZU EURIPIDESMEDEIA

    I

    An tragischen Bearbeitungen des Medea-Stoffs ist neben derMedeia des Euripides lediglich jene Senecas vollstndig auf unsgekommen. Dies und natrlich die Berhmtheit der euripideischenBearbeitung schon in der Antike hat immer wieder dazu gefhrt,fr Seneca die Modellhaftigkeit der euripideischen Medeia zubetonen.1 Dabei ist man sich darin einig, da bei allen Unter-schieden im einzelnen der Rahmen beider Dramen derselbe sei.Die Auftritte bei Seneca, sofern sie mit Euripides korrespondieren,scheinen ebenfalls in ihrem Rahmen mit diesem bereinzustim-

    1) A. Hempelmann, Senecas Medea als eigenstndiges Kunstwerk, Diss. Kiel1960. Seine sehr weitgehende Auffassung von der Auseinandersetzung mit Euripi-des (ebd. 240: Der Blick auf die brigen literarischen Fassungen des Medea-Stof-fes vor Seneca lehrt also, da der Dichter nicht auf ein zweites Vorbild im gleichenMae zurckgegriffen haben drfte wie auf Euripides.) hat sich nicht durchsetzenknnen, aber selbst R. J. Tarrant, Senecas Drama and its Antecedents, HSPh 82,1978, 213263 (hier: 216) zhlt die Medea zu den Stcken, bei welchen Seneca nocham weitestgehenden von uns bekannten Vorlagen, deren Einflu er ansonsten ab-zulehnen bestrebt ist, abhngig war. Gegen Tarrants Tendenz wendet sich J. Dingel,Senecas Tragdien, Vorbilder und poetische Aspekte, ANRW 2,32,2, 1985, 10521099, hier: 1053 f., aber nicht berzeugend. Auch G. Maurach, Jason und Medea beiSeneca, A&A 12, 1966, 125140, zitiert nach: E. Lefvre (Hg.), Senecas Tragdien,Darmstadt 1972, 292320, der ansonsten Senecas Eigenstndigkeit beachtet, erklrtin bezug auf die Gesamtkomposition 307: Der Rahmen bleibt weitgehend der desgriechischen Stckes. Vgl. ferner G. Aric, Seneca e la tragedia latina arcaica, Dio-nisio 52, 1981 (1985), 339356; K. Heldmann, Untersuchungen zu den TragdienSenecas, Wiesbaden 1974, 164 ff.; W.-L. Liebermann, Studien zu Senecas Tragdien,Meisenheim/Glan 1974, 155207, hier: 155 ff.; O. Zwierlein, Die Tragik in denMedea-Dramen, Literaturwiss.-Jahrbuch, N.F. 19, 1978, 2763; N. Costa, Seneca,Medea, Ed. with Introd. and Comm., Oxford 1973, 8 (zitiert auch von Tarrant 217).

  • 329Die Ausgangssituation in der Medea Senecas

    men.2 Unbestritten ist, da Seneca die Medeia des Euripides kann-te und auch Passagen aus ihr bernahm.3 Aus diesem aber zufolgern, da sie auch sein Modell gewesen ist, birgt die Gefahr, nunvom Modell her die Handlung der Tragdie Senecas verstehen zuwollen.

    Zwar ist es schwer, Mastbe fr ein richtiges oder falschesVerstndnis zu entwickeln, aber ein Mehr an Kohrenz in derHandlung, ein Weniger an Widersprchlichkeit im Handlungsver-lauf drfte gerade bei einem psychologisch analysierenden Schrift-steller wie Seneca vorauszusetzen sein.4 Im folgenden soll deshalbversucht werden herauszuarbeiten, da gerade ein unausgespro-chen an Euripides orientiertes Vorverstndnis der Tragdie Senecasauch in der neueren Forschung der richtigen Einschtzung insbe-sondere der Ausgangssituation entgegensteht.

    Eine kurze Zusammenfassung, wie man die Tragdie bisherverstanden hat und an welchen Punkten ihre Deutung umstrittenist, kann die Schwierigkeiten und Widersprche verdeutlichen, diemit dem Stck verbunden sind: Die Medea Senecas ist noch nichtvertrieben, als sie von ihrem Haus aus das Hochzeitslied auf Iasonund Creusa hren mu; sie lebt aber mglicherweise in einem eige-nen Haus.5 Creo tritt auf und verbannt Medea wobei es dieser

    2) So ist auch das Urteil Hempelmanns (wie Anm. 1) 242 ber Senecas Imi-tationstechnik: Dabei geht er so vor, da er die Handlung in einer von Euripidesgebotenen Situation einsetzen und am Ende wieder in sie einmnden lt.

    3) Beispiele gibt bereits W. Braun, Die Medea des Seneca, RhM 32, 1877, 6885. Ferner: Heldmann (wie Anm. 1) 164 ff.; Liebermann (wie Anm. 1) 155 ff.; Hem-pelmann (wie Anm. 1) passim; Dingel (wie Anm. 1) 1071; vgl. auch S. Ohlander,Dramatic Suspense in Euripides and Senecas Medea, Bern 1989; A. Schmitt, Lei-denschaft in der senecanischen und euripideischen Medea, in: F. Del Franco u.a.(Hgg.), Storia Poesia e Pensiero nel Mondo Antico, Festschrift fr M. Gigante, Nea-pel 1994, 573599.

    4) Zur Verwendung der Schrift De ira haben Anliker (K. Anliker, Prologeund Akteinteilung in Senecas Tragdien, Diss. Bern 1960) und Maurach (wieAnm. 1) Parallelen gesammelt. Gegen sie wandte sich J. Dingel, Seneca und dieDichtung, Heidelberg 1974, 2. Maurach hat in Seneca, Leben und Werk, Darmstadt1991 (Senecas Tragdien und seine Philosophie, 197 Anm. 209) seine Vorstellungenvon einer stoischen Tragdie zurckgenommen und sie durch die sicher richtigeAnnahme ersetzt, da Seneca an der menschlichen Psychologie interessiert sei undso selbstverstndlich das, was er theoretisch bemerkte, auch dichterisch umsetzte.Wenn dies richtig ist, dann drfen wir keine unmotivierten und psychologisch nichtnachvollziehbaren Handlungen oder Absichten annehmen, wie etwa eine Hatira-de ohne Anla im Prolog.

    5) So jedenfalls Dana Ferrin Sutton, Seneca on the Stage, Leiden 1986, 12.

  • 330 Niko laus Thurn

    allerdings gelingt, da Creo ihr in mindestens einem Punkt nach-gibt: Er lt ihr noch einen Tag Zeit. In den Interpretationen vonCosta und Hempelmann6 wird angenommen, Creo mache ihr andieser Stelle auch das Zugestndnis, da ihre Kinder beim Vater inKorinth bleiben knnen. Dies aber unterstellt Medea, sie wissenicht so recht, was sie wolle: Erst sorgt sie sich um ihre Kinder underreicht eigentlich ganz ohne Bitten7 , da man diese nicht demExil aussetzt. Dann wiederum frchtet sie um das Los ihrer Kinderund mchte sie doch wieder mit sich nehmen, aber Iason behaup-tet, dies sei das einzige, wozu ihn selbst die Gewalt seines zuknf-tigen Schwagers nicht zwingen knnte,8 obwohl er ihre Vertrei-bung ja bis zu dem Augenblick geduldet haben mte, da Medeasich fr ihr Bleiben einsetzte. Auch Iason, der ja eigentlich mit derHeirat von Creusa seine Zielstrebigkeit bewiesen hat, mte also inbezug auf seine Kinder nicht so recht wissen, was er eigentlich will.

    Eine solche Interpretation ist ganz offensichtlich durch ein anEuripides orientiertes Vorverstndnis geprgt. Wenn man mitSchulze dagegen annimmt, da die Kinder von Anfang an bei Iasonbleiben sollen, lsen sich alle Widersprche von selbst. Medea willihre Kinder mitnehmen; in ihrem Gesprch mit Creo erfhrt sieendgltig, da diese in Korinth bleiben sollen.9

    In bezug auf den Prolog der Medea stoen wir auf ein Pro-blem, das sich nicht einfach lsen lt, da es dort nicht ausreicht,

    6) Costa (wie Anm. 1) 98 zu vv. 282 ff., 118 zu vv. 541 ff.; Hempelmann (wieAnm. 1) 65.

    7) Dagegen bittet Medeia bei Euripides lange und ursprnglich vergeblichdarum, da die Kinder bleiben mgen. v. 507: abdico eiuro abnuo erklrt sich damit,da Medea meint, ihre Kinder wren, wenn sie in Gesellschaft mit Kindern vonCreusa und Iason aufwchsen, nicht lnger ihre; so auch 921 ff.: liberi quondam mei(so auch Anliker [wie Anm. 4] 41). Diese Widersprche lassen sich auflsen, wennman annimmt, da Medea stets ihre Kinder mit sich nehmen will und in v. 283 dar-um hat bitten wollen, da man sie ihr berlasse, worauf Creo sie miverstandenhabe. Vgl. W. Schulze, Untersuchungen zur Eigenart der Tragdien Senecas, Diss.Halle 1937, 51. Dies ist auch deshalb wahrscheinlich, weil Iason ja in ihre Entfer-nung eingewilligt hat, um gerade die Kinder zu retten. Aber dann versteht man nichtrecht, warum vv. 2425 die Kinder ein Teil ihrer Rache sein sollen: Dies trte ja nurein, wenn Iason sie bei sich behielte, selbst wenn er wie Medea sich hier vorstellt auf ewiger Flucht wre.

    8) vv. 541549.9) Ich halte die von Schulze (wie Anm. 7) 53 geuerte Interpretation fr

    die selbstverstndliche. Vgl. dagegen Hempelmann (wie Anm. 1) 65; Costa (wieAnm. 1) 98.

  • 331Die Ausgangssituation in der Medea Senecas

    nur Euripides als Bezugspunkt aufzugeben, um ein konsistentesVerstndnis zu gewinnen. Es wurde immer wieder betont, Medeasei bereits von Anfang an vom furor besessen. Friedrich nahm an,ihre erste Reaktion sei ein Vorgriff auf ein spteres Stadium ihrerWut.10 Hempelmann ging sogar so weit, den Prolog von der Hand-lungslogik abzukoppeln.11 Das wichtigste Argument dafr, da derProlog ein spteres Stadium der Entwicklung Medeas darstelle,nmlich all ihre Plne der zuknftigen Taten, wurde inzwischenberzeugend als eine Art tragische Ironie gedeutet: Lediglich derRezipient ist sich der Tragweite, ja der eigentlichen Bedeutungihrer Worte bewut.12

    10) W. H. Friedrich, Untersuchungen zu Senecas dramatischer Technik, Diss.Freiburg 1931, 19; C.Lindskog, Studien zum antiken Drama, Bd. 2, Lund 1897,18 ff., hier: 26; Hempelmann (wie Anm. 1) 27. Anders W. Kullmann, Medeas Ent-wicklung bei Seneca, in: W. Wimmel (Hg.), Festschrift K. Bchner, Forschungen zurrmischen Literatur, Wiesbaden 1970, 158167, hier: 1589. Obwohl Kullmann dieVorgriffe auf sptere Taten als tragische Ironie wertet, betont er den neuen Zustandder jetzt rasenden Medea. Anstelle der konkreten Rache setzt er die vage Rachere-flexion. Es geht ihm jedoch um die innere Verschiedenheit, die Medea zwischen ihrereinstigen Rolle als Mdchen und ihrer neuen als Mutter behauptet (159): Der neueStatus ihrer Entwicklung wird nun in den folgenden drei Akten auf die verschie-denste Weise psychologisch expliziert. Gewi ist es richtig, da Medea nun Mutterist, aber dies schliet eine Entwicklung innerhalb dieses doch sehr vagen Begriffesnicht aus. Hierzu auch Leo: L. Annaei Senecae Tragoediae, rec. F. Leo, Bd. 1, Berlin1878, 1645. Dagegen W. Steidle, Medeas Racheplan, Philologus 96, 1944, 259264,zitiert aus: E. Lefvre, Senecas Tragdien, 286291, hier: 286; Maurach (wie Anm. 1)294; besonders Anliker (wie Anm. 4) 3538. Fr einen eingehenden Vergleich derProloge bei Seneca und Euripides vgl. Liebermann (wie Anm. 1) 159 ff.

    11) Hempelmann (wie Anm. 1) 32: Medea fat ihren Rachepl

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