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Riskante Schönheit: Weiße Zinfandeltraube unter dem Mikroskop Wirkungen, Gefahren, Schutz Alkohol und Drogen Drägerheft Drägerheft 392 spezial Technik für das Leben
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Alkohol und Drogen - Drägerwerk AG

Dec 12, 2022

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Khang Minh
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Page 1: Alkohol und Drogen - Drägerwerk AG

Riskante Schönheit: Weiße Zinfandeltraube unter dem Mikroskop

Wirkungen, Gefahren, SchutzAlkohol und Drogen

DrägerheftDrägerheft 392 spezialTechnik für das Leben

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INHALT

Auf rund 60 Milliarden Euro belaufen sich die wirtschaftlichen Schäden, die alkoholisierte Mitarbeiter jedes Jahr in der EU verursachen – mehr ab Seite 32.

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4 RAUSCHMIT TEL Verbreitung: Schon früh zeigte sich, dass manche Substanzen das Gefühl verändern – einige Meilensteine.

6 DROGENGeschichte: Rauschmittel wirken nicht nur auf Geist und Körper, sondern auch auf Wirtschaft und Gesellschaft.

10 ALKOHOL Geschichte: Ethanol berauscht die Menschheit schon seit der Steinzeit.

12 KONSUM Verhalten: Ist der Mensch überhaupt vorstellbar ohne Alkohol und Drogen?

14 PIONIER Dräger-Alcotest: Seit 1953 wird bei Alkoholkontrollen gepustet – nicht nur auf Deutschlands Straßen.

20 ALKOHOLMESSUNG Neue Verfahren: Fußfesseln geben Kontrolle und Bewegungsfreiheit.

22 WIRKUNG Ethanol: Wie und wo Alkohol Menschen beeinflusst.

23 LEGAL HIGHS Badesalze: Sie spielen eine immer größere Rolle im Drogenmarkt.

24 DROGENTEST Speichelprobe: In Belgien fischt man benebelte Autofahrer mithilfe moderner Speicheltests aus dem Verkehr.

28 RISIKOFAKTOR Mensch: Berauscht im Job? Das führt immer wieder zu verheerenden Unfällen.

32 ARBEITSWELT Sucht: Wenn Mitarbeiter mit Fahne zur Arbeit kommen, oder sich mit Medikamenten aufputschen, wird es brenzlig.

38 SUCHT Hilfe: Alkohol- oder Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, die auch Dritte in Mitleidenschaft zieht. Für den Entzug gibt es verschiedene Ansätze.

42 STRASSENVERKEHR Alkoholgrenzwerte: Wie sie sich zum Schutz der Verkehrsteilnehmer entwickelt haben.

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62 RAUCHEN58 SCHLUCKEN

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Titelbild: Weißer Zinfandel, eine Rebsorte, zeigt unter dem Mikroskop

verborgene Ästhetik. Michael W. Davidson, von der Florida State University

in den USA, hat seit 1992 mit dieser Technik verschiedene Rauschmittel

fotografiert. Darunter, von links nach rechts: Bier, Tequila Sunrise und

Methcathinon, ein Psychostimulans

46 VERKEHRSSICHERHEIT Alkohol-Interlocks: Als „Zündschlüssel“ dient der Atem. Nur ein nüchterner Fahrer kann sein Fahrzeug starten.

50 GESUNDHEIT Mythen und Legenden: Verdunstet Alkohol beim Kochen? Kaum, und es gibt noch weitere Überraschungen!

52 SCHRIFTSTELLER Im Rausch: Viele Werke der Weltliteratur verdanken sich „Drogen und Rausch“ (Ernst Jünger, 1970).

56 ENDSTATION Notaufnahme: Vor allem am Wochenende ist hier für manchen Partygänger Schluss.

58 GESELLSCHAFT Hirndoping: Die eigene Leistung gezielt durch Medikamente zu steigern bleibt meist nicht ohne Folgen.

61 RANGLISTE Drogen: Die 20 gefährlichsten Rauschmittel.

62 DROGEN Politik: Die US-Bundesstaaten Colorado und Washington legalisieren Anbau und Besitz von Marihuana.

66 JUSTIZ Gesellschaft: Gibt es ein Recht auf Rausch?

68 MINI-LEXIKON Rauschmittel: Wirkstoffe, Konsum, Risiken

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Mixeteco Mountains, Mexiko: magische Pilze (1955)Mit dem US-amerikanischen Bankier R. Gordon Wasson nimmt erstmals ein Außen-stehender am zeremo-niellen Genuss von psycho-aktiven Pilzen teil. Seine Veröffentlichung in „LIFE“ löst 1957 einen Boom aus.

Globaler DrogenkonsumSchon früh zeigte sich: Manche Substanzen verändern das Gefühl. Gezielt sucht und produziert der Mensch sie seitdem: erst als Tor zur Götterwelt, dann als Genussmittel. Das Glas Wein kann guttun, die Flasche zur Gefahr werden – für einen selbst und andere. Einige MEILENSTEINE aus der Welt des Rauschs.

Atlanta/Georgia, USA: Coca-Cola (1887)Der Arzt und Apotheker John Stith Pemberton entwickelt

„Coca-Cola“, das anfangs „peru-anische Kokablät-ter, Wein und Kolanuss“ enthält.

Bethel/New York, USA: My Generation (1969)Ohne Drogen auf, hinter und vor der Bühne wäre das legendäre und verregnete Wood-stock-Festival wohl ganz ins Wasser gefallen.

Lima, Peru: Mitbringsel (1859)Das österreichische Expeditions-schiff „Novara“ bunkert einen 60 Pfund schweren Ballen Koka-blätter. Aus ihnen wird ein Jahr später Albert Niemann in Göttingen „Kokain“ isolieren.

Ouagadougou/Burkina Faso, Westafrika: Menschwerdung des Affen (ca. 2.000 v. Chr.)Die Ureinwohner der Subsahara bauten Hirse an, aus der sie auch Bier brauten. Erst damit wurden sie der Le gen de nach wahre Menschen – sie ver loren Fell und Schweif.

Wien, Österreich: Drogenreport (2012) Laut „World Drug Report“ (www.unodc.org) haben 230 Mil-lionen Menschen, rund 3 Prozent der Weltbevölkerung, schon mal illegale Drogen konsumiert. Heroin, Kokain & Co. führen zu 200.000 Drogentoten – jährlich.

Feuerland und Patagonien: MinimalismusHier wachsen keine Pflanzen, die sich fer-mentieren lassen. Die Menschen konnten daher keine alkoholischen Getränke herstellen.

Akron/Ohio, USA: trocken (1935)William Griffith Wilson und Robert Holbrook Smith gründen am Muttertag die Selbst hilfe-gruppe „Anonyme Alkoholiker“, die heute etwa zwei Millionen Mit-glieder in über 180 Ländern hat.

Kincardine O’Neil, Schottland: Eisbock (2012)65 Prozent Alkoholgehalt bietet das stärkste Bier der Welt. Das „Armageddon“ von Brewmeister (Typ: „Eisbock“).

Südpazifik: KavaAus Rausch-pfeffer (Piper methysticum) wird hier ein euphorisieren-des Getränk gewonnen.

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VERBREITUNG RAUSCHMIT TEL

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Kanton, China: Erster Opiumkrieg (1839–42)Die Engländer schmuggeln Opium aus Indien nach China. Als die Mandschus das verbieten, kommt es zum Opiumkrieg, den China verliert. Daraufhin u. a.: Abtretung Hongkongs.

Java, Indonesien: Monopol (19. Jahrhundert)Bis zu 15 Prozent der Einnah-men aus ihrer Kolonie erhalten die Niederländer allein durch den Verkauf von Opium.

Hochland/Äthio-pien, Ost-Afrika: Ursprung des KathAlltagsdroge dieser Region. Das Cathin in den Blättern des Kathstrauchs wirkt psycho-stimulierend.

Vietnam: Apocalypse Now (1971)Im „Goldenen Dreieck“ (Laos, Thailand, Myanmar) wird Heroin Nr. 4 produziert. Amerikanische Armee-Ärzte schätzen, dass 10 bis 15 Prozent aller US-Soldaten in Vietnam Heroin konsumieren.

Saigon, Vietnam: Kurier (1970)Ein Pilot des US-Botschafters wird mit Heroin im Wert von acht Millionen US-$ festgenommen.

Darmstadt, Deutschland: Partydroge (1912)Der Pharma-Konzern Merck synthetisiert MDMA, das später als „Ecstasy“ Karriere macht.

Çatal Höyük, Türkei: alter Jahrgang (ca. 5.500 v. Chr.) Bei Ausgrabungen findet James Mellaart 1961 in einem Gefäß Rückstände von Wein als frühestes Zeugnis dieses Getränks.

Nowaja Semlya, Russland: halber Geist (1924)Für die Schamanen ver kör-pert jeder Fliegenpilz je einen Pilzgeist. Sie essen zweieinhalb Pilze, da der halbe Pilzgeist sich immer nach seiner anderen Hälfte dreht, langsamer läuft und der Schamane ihm nur so folgen kann.

Neu-Delhi, Indien: BetelDie Blätter dieser Palme sind Bestandteil des „Betel-bisses“. Sie wirken eupho-risierend, werden bereits in alten Sanskrit-Texten erwähnt und zählen damit zu den ältesten Drogen.

Alamut, Iran: Haschisch (ca. 1.000 n. Chr.)Der Geheimbund der Assassinen („Haschisch-raucher“) bedroht umliegende Fürsten durch Meuchelmord. Ungeklärt ist, ob die Krieger Haschisch zur Auf stachelung oder als Belohnung erhielten.

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DROGEN GESCHICHTE

Zwischen Traum und AlbtraumMit dem ewigen Wunsch des Menschen nach Transzendenz, nach Rausch und Befreiung von den Beschränkungen des Daseins lassen sich Kriege anzetteln, Gesellschaften verändern und Wirtschaftsimperien aufbauen – ILLEGALE WIE LEGALE.

A ngefangen hat alles mit Pflanzen, die sich gegen ihre Fressfeinde zur Wehr setzten. Im Laufe der

Evolution entwickelten viele ein chemi-sches Schutzschild, um nicht gefressen zu werden: Inhaltsstoffe, die für Tiere gif-tig oder unbekömmlich sind. Bereits in grauer Vorzeit entdeckten die ersten Men-schen, dass diese Pf lanzen auch für sie giftig sind. Und sie entdeckten noch etwas anderes: Viele Blätter, Wurzeln, Pilze und Kakteen hatten – richtig dosiert – erstaun-liche Wirkungen. Sie konnten Schmerzen lindern, Krankheiten heilen und – mitun-ter – denKontakt zu Geistern, Göttern und Ahnen herstellen. Dazu waren Heilkun-dige und Schamanen nötig, denn nur sie kannten sich auf dem schmalen Grat zwi-schen Trance und Vergiftung aus. Rausch seit der Antike

Bewusstseinsverändernde Pflanzen beglei-ten seither die Menschheit. Das Alte Tes-tament erwähnt die halluzinatorisch wir-kende Mandragorawurzel (Alraune) – und Myrrhe: ein tropisches Harz, das in hoher Dosierung ähnlich schmerzstillend wie Opium wirkt. Seit Jahrtausenden lassen sich Menschen vom Hanf und dem dar -aus hergestellten Haschisch berauschen. Herodot berichtet von den Skythen, einem Reitervolk, das im 7. Jahrhundert v. Chr. die Steppen Osteuropas besiedelte und Hanfsamen im Dampfbad auf glühende Steine streute und dabei „so fr oh wurde, dass es begeistert heulte“.

Mit dem Islam und seinen verbindli-chen Lebensregeln seit dem 8. Jahr hun-dert fanden im Orient gesellschaftliche Veränderungen statt. Durch die Ächtung

Was lässt sich von der Natur lernen, wie kann sie der Mensch zu seinem Nutzen neu zusammensetzen? Schon der Alchemist suchte danach

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Auf dem Weg zur Zigarette: Kinder in den

USA bei der Tabakernte und

Verarbeitung der Blätter (1916)

des Alkohols gewannen Drogen wie Opi-um, Haschisch, Stechapfel und Kath an Bedeutung. Die exotischen Geschichten der Scheherazade aus 1001 Nacht schei-nen einem f arbigen Haschischrausch entsprungen zu sein. Aller dings war Haschisch in den islamisc hen Gesell-schaften des Altertums eher das Kraut der Armen; die wohlhabenderen Schichten rauchten Opium. Auch in China und Indi-en war Haschisch schon seit der Jungstein-zeit bekannt. In Indien war der Gebrauch strengen Ritualen unterworfen – und ist es teilweise im K ult um den vedisc hen Fruchtbarkeitsgott Shiva noch heute.

Mit der Neuzeit begann nach einer düsteren Zeit des Hexenwahns, in dem halluzinatorische Rauschdrogen wie Bil-senkraut und Tollkirsche eine Rolle spiel-ten, eine Phase der räumlichen und geis-tigen Horizonterweiterung, die direkte Auswirkungen auf den Gebrauc h von Drogen hatte. Christoph Columbus ent-deckte 1492 Amerika. Mit den spanischen Eroberern kam die Tabakpflanze nach Europa, von wo aus Entdeckungsreisen-de und Händler sie über die ganze W elt trugen. Zunächst wegen ihrer stimulie-renden Wirkung als Heil- und Medizinal-pflanze vor allem in höf ischen Kreisen und unter Medizinern sowie Biologen weitergereicht, begann man Ende des 16. Jahrhunderts, die Blätter nach indi-anischem Vorbild zu rauchen. Die neue Mode breitete sich schnell aus, doch es gab schon früh intensive Bemühungen seitens der Obrigkeit und des Klerus, die-se neue Sitte zu verbieten. Nachdem die vielen Versuche, den Tabakkonsum ein-zudämmen, keinen Erfolg hatten, wollten

die Landesherren wenigstens daran mit-verdienen. So wurde Tabak besteuert – bis heute: Steuereinnahmen von jährlich mehr als vierzehn Milliarden Euro (2011 allein in Deutschland) tragen „erheblich dazu bei, die damit verbundenen sozialen und medizinischen Probleme aufrechtzu-erhalten“, so Dr. Henrik Jungaberle, Suchtpräventions- und Drogenforscher an der Universität Heidelberg.

Geist aus der Flasche

Die Kulturgeschichte des Tabaks, den noch heute einige Völker des Amazonas als Heil- und Religionspflanze nutzen, ist auch ein Beispiel dafür, welchen Bedeu-tungswandel viele psychoaktive Substan-zen im Laufe der Geschichte vollzogen – vom ritualisiert eingenommenen Sak-rament zur weitgehend individualisier -ten Genusshandlung.

Am Beispiel des Opiums lässt sich das gut nachverfolgen – wie auch der Weg von der Pflanze zum isolierten, Rausch erzeu-genden Wirkstoff. Der Arzt und Natur-forscher Paracelsus (1493–1541) mach-te mit Laudanum („das Lobenswer te“), einer alkoholhaltigen Opiumtinktur, das Opium für weite Bevölkerungskreise zu einem alltäglichen Medikament gegen die Beschwerden des Alltags, wie heute etwa Aspirin. Es wurde für 400 Jahre das wohl am meisten angewendete Medika-ment der westlichen Welt und war ver-mutlich auch deshalb die erste Droge, die naturwissenschaftlich analysiert wurde.

Dem Apotheker F. W. Sertürner gelang es 1804, den „Schlaf bringenden Stoff“ im Opium zu isolieren, das Morphin. Damit war zum ersten Mal in einem pflanz lichen >

Schreckliche Schönheit: Schlafmohn – Quelle des Opiums

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DROGEN GESCHICHTE

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Produkt das Wirksame vom Unwirksamen getrennt. Schon 1827 begann die Darm-städter Firma Merck mit der Massenpro-duktion von Morphin. Als 1841 die Hohl-nadel zur Injektion erfunden wurde, war aus medizinischer Sicht das Lazarett für die Verwundeten im Deutsch-Französi-schen Krieg (1870/71) bereitet. Morphin wurde zur „Soldatenmedizin“. Unzäh lige Soldaten kehrten als Süchtige heim.

Um den schmerzlindernden Effekt beizubehalten, die Suchtgefahr aber aus-zuschließen, wurde 1898 das „Heroin“ (im Andenken an verwundete Heroen oder Kriegshelden) aus Morphin und Essigsäu-re hergestellt und massenhaft vermarktet. Damit war der Geist endgültig aus der Fla-sche. Heroin ist bis heute eine der gefähr-lichsten Suchtdrogen. Nach dem EU-Jah-resbericht 2012 ist in den vergangenen zehn Jahren in der EU im Dur chschnitt

ein Mensch pro Stunde an einer Überdo-sis Opioiden gestorben. Meistens handel-te es sich dabei um Heroin.

Krieg gegen die Drogen

Die moderne Chemie und die beginnende Industrialisierung waren die Motoren für einen grundlegenden Wandel: Aus rituell vorbereiteten Trance-Reisen wurden mit den isolierten Einzelsubstanzen endgül-tig pharmakologische Konsumgüter – je nach Seelenlage zum Aufputschen oder Vergessen geeignet. 1860 gelang Albert Niemann die Isolierung von Kokain aus der Kokapflanze. Damit w ar es nic ht mehr weit zu den „R oaring Twenties“, als sich Boheme und Halbwelt in Paris und Berlin mit dem „Schnee“ in ein hys-terisches Nachtleben stürzten.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts ent-standen mehrere internationale Abkom-

men, die weltweit die Pr oduktion von Morphin und Kokain einschränken soll-ten. Mit dem Internationalen Opiumab-kommen von 1912 wollten die Länder des Völkerbunds erstmals weltweit die Pr o-duktion von Morphin und Kokain kon-trollieren. Bis dato legale, weit verbreite-te und auch als Arzneimittel verwendete Substanzen wurden für illegal er klärt. Mehrere Verträge folgten, bis 1961 mit dem Einheitsabkommen über die Betäu-bungsmittel (Single Convention on Nar-cotic Drugs) ein völkerrechtlich binden-der Vertrag für über 180 Staaten entstand, der namentlich Mohn-, Koka- und Canna-bispflanzen – sowie daraus hergestellte Rohstoffe und einige Derivate – stark kon-trolliert und jeden nicht medizinischen Gebrauch verbietet.

Doch die Einteilung in legale und ille-gale Drogen ist umstritten. Wie bereits

Jedes Verbot von Drogen und Alkohol setzt enorme kriminelle Energien frei

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Kleiner Aufwand, großer Ertrag: Bauern mischen Natron unter die Koka-blätter, die so unter der Sonne besser Kokain ausschwitzen können

Weißes Gold: Ein Drogenhändler in Kolumbien bereitet Kokain für den Straßenverkauf vor

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bei den früheren Prohibitionsbestrebun-gen (Alkohol: USA, 1919–1933; Opium: China, 19. Jahrhundert) werden enorme wirtschaftliche und kriminelle Energien freigesetzt, um die Verbote zu umgehen. Mit dem Schmuggel von Drogen lässt sich glänzend Geld verdienen, wie im 19. Jahr-hundert bereits die britische East-India Company in Indien und China er fahren hatte. Mit dem Opiumschmuggel in das abgeschottete China versuchte die Han-delsgesellschaft, das britische Außenhan-delsdefizit aus dem Teehandel mit Chi-na auszugleichen. China, das sich gegen diese Überschwemmung mit Rauschgift nicht wehren konnte, wurde in den bei-den Opiumkriegen (1839–1842 und 1856–1860) zur Öffnung seiner Märkte und zur Duldung des Opiumhandels gezwungen.

Bis heute verdienen viele Menschen sehr viel Geld mit illegalem Dr ogen-anbau und -handel. Die Politik der welt-weiten Drogenprohibition, der „War on Drugs“, den der ehemalige US-Präsident Richard Nixon einst ausrief, ist geschei-tert. Das gibt die W eltkommission für Drogenpolitik in ihrem Bericht 2011 zu. Drogenkartelle sind Teil der weltweit organisierten Kriminalität: mit Geldwä-sche, Waffen- und Menschenhandel. Und erfolgreicher als je zuvor.

Hase-und-Igel-Spiel

Das Drogenrad dreht sich immer schnel-ler. Jede Woche wird in der EU eine neueDroge auf den Markt gebracht, sagt die EU-Drogenbeobachtungsstelle in ihrem Jahresbericht 2011. Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel, das sich hauptsächlich um die „Legal Drugs“ dreht – psychoaktiv wirken-

de Designer-Substanzen, die als Fertigpro-dukte verkauft werden. Sie enthalten syn-thetische Cannabinoide und Cathinone (Abkömmlinge aus Cannabis- und K ath-Inhaltsstoffen). Damit unterlaufen sie das Betäubungsmittelgesetz (BTM), weil sie nicht explizit verboten sind. Sobald sie mit einer Verzögerung ins BTM aufgenom-men und dadurch verboten werden, ent-stehen neue Abwandlungen, für die das BTM (noch) nicht gilt. Unter diesen Sub-stanzen befinden sich „Badesalze“ (siehe auch S. 23), amphetaminartige Stoffe wie Mephedron und Bupropion, aber auch die Cathinone in Kräutermischungen wie Spi-ce und K2. Cecilia Malmstr öm, Mitglied der EU-Kommission, sagt: „Stimulanzien und synthetische Drogen spielen für die europäische Drogensituation eine zentra-le Rolle, da sie einen sic h schnell verän-

dernden, unbeständigen und schwer zu kontrollierenden Markt schaffen.“

Dazu kommen die sc hon länger bekannten Aufputscher und Halluzino-gene Ecstasy, LSD, GHB (K.-O.-Tropfen), Crack Cocaine, Crystal Meth, Desomor-phin (Krok) – eine Hydra, der mit jedem abgeschlagenen Kopf zwei neue wach-sen. Immer mehr setzt sich deshalb bei Drogenexperten die Erkenntnis durch, dass diese Entwicklung mit strafrechtli-chen Maßnahmen allein nicht zu stop-pen ist. Neben Aufklärung über W ir-kung und aktive Beschäftigung mit den am stärksten durch Drogenmissbrauch gefährdeten Gruppen sehen viele heu-te einen Ausweg aus dem Elend und der Kriminalität in einer Loc kerung der strengen Verbote – etwa für Drogen wie Cannabis. Regina Naumann

Zeremonie: Hindus in Rajasthan/Nordindien bereiten sich auf eine virtuelle Reise vor. Alles ist angerichtet für die Fahrt mit dem „Opium-Vehikel“

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ALKOHOL GESCHICHTE

Vom biblischen Weinstock zur BranntweinplageMenschen stellen seit vorgeschichtlicher Zeit Getränke her, die den TRINKALKOHOL ETHANOL enthalten. Dabei gibt es immer wieder Wechselwirkungen zwischen sozialer, ökonomischer und technischer Entwicklung.

Im jungsteinzeitlichen China steht ein Cocktail aus Wein, Met und Reisbier auf der Speisekarte. Die Menschen,

die ab 7.000 v. Chr. am Gelben Fluss sie-deln, vergären dafür Säfte von Weinbee-ren und Weißdorn mit Honig und Reis. Dieses Gebräu, mit seinen zehn Prozent Alkoholgehalt, gilt derzeit als das ältes-te von Menschen hergestellte alkoholi-sche Getränk.

Rekonstruiert hat den neolithischen Cocktail der amerikanische Molekular-archäologe Patrick McGovern. Er unter-suchte Spuren in keramischen Ge trän-ke behältern, die bei Ausg rabungen in Jiahu, einer steinzeitlic hen Ausgra-bungsstätte in der chinesischen Provinz Henan, entdeckt wurden. Durch kom-plexe Nachweisverfahren entschlüssel-te er die Zusammensetzung des vorzeit-lichen Tranks: „Uncorking the Past“, wie er sein Buch nennt.

Verfeinerung der Rohstoffe

Zur Vorbereitung des Gär prozesses brachen die Menschen die Stärke der Getreidekörner durch Zerkauen auf. Dabei spalten Amylasen des Speichels die langkettigen Polysaccharide in kurz-kettigen Zucker. Aus heutiger Sicht ein rohes Verfahren, doch wichtig für die Kulturgeschichte alkoholischer Geträn-ke. Denn nicht der Konsum von Etha-nol war vor 9.000 Jahren das Phänomen, sondern seine gezielte Herstellung. Als natürlich vorkommendes Rauschmittel ist Alkohol älter als die Gesc hichte des modernen Menschen: Bis heute schät-zen viele Tiere die berauschende Wir-kung von überreifem, vergorenem Obst,

Arbeit im Weinberg, Straßburg, Frankreich (1519): Von der Lese bis zum Fass war Wein-herstellung Handarbeit

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dessen Zucker von wilden Hefen umge-wandelt worden ist.

Die gezielte Her stellung alkoholi-scher Getränke fällt mit der Entwicklung der Landwirtschaft in der neolithischen Revolution zusammen. Insbesondere die frühen Hochkulturen verbesserten ste-tig die Methoden von Acker-, Obst- und Weinbau, wodurch mehr Ausgangsmate-rial für Alkoholika zur Verfügung stand. Gleichzeitig verfeinerten Winzer und Brauer die Auswahl der Rohstoffe, Gär-verfahren und nac hgeschalteten Pro-zesse wie Brennen und Lagerung. Die alkoholische Gärung dürfte zufällig und durch Beobachtung entdeckt wor-den sein. Aus fermentiertem Getreide-brei entstand ein Vorläufer des Bieres, aus gärenden Früchten wurden weinar-tige Produkte. Damit ließ sich die physio-logische und psychologische Wirkung des Rauschmittels Alkohol jederzeit abrufen.

Eine der Wurzeln der Bierherstellung liegt in Mesopotamien, wo sich im zwei-ten vorchristlichen Jahrtausend ein gro-ßes Angebot an Biersorten etabliert hat-te. In weiten Teilen Mitteleuropas war Bier bis zum 17. Jahrhundert eines der wichtigsten Nahrungsmittel. Der Kul-turwissenschaftler Wolfgang Schivel-busch verbindet sogar die massigen Kör-per nordeuropäischer Gemälde des 17. Jahrhunderts mit der von Bier und Bier-suppen geprägten Küche. Zu dieser Zeit galt bereits die Bayerische Landesord-nung von 1516, die ausschließlich Wasser, Malz, Hefe und Hopfen als Rohstoffe für die Bierproduktion zuließ. Bekannt wur-de die Vorschrift als „Reinheitsgebot“ (siehe auch Drägerheft 391; S. 18–21).

Auch die Gewinnung von Wein aus Trau-ben entwickelte sich früh zu einer kom-plexen Kulturtechnik. Der br itische Weinexperte Oz Clarke schreibt, dass sich im dritten Jahrtausend vor Chris-tus der Weinbau in Ägypten so weit aus-gedehnt hatte, dass K enner ähnliche Unterschiede zwischen den Qualitäten machten, wie es heute der F all ist. Von der frühen Bedeutung des W einbaus zeugt nicht zuletzt die Weinmetaphorik in biblischen Texten.

Alkohol im Tank

Um höher konzentrierte Alkoholika her-zustellen, muss das Et hanol aus dem Ausgangsprodukt destilliert werden. Das wurde um das Jahr 1000 durch den Alambic, ein Gefäß zur Trennung von Stoffen, möglich, nach dessen Prinzip bis heute Brennblasen für hochwertige Branntweine arbeiten. Neben Maischen aus Getreide und Früchten kommen seit der Neuzeit auch Kartoffeln ( Wodka) und Zuckerrohr (Rum) zum Einsatz.

Mit dem Alambic begann eine Reihe technischer Innovationen rund um al ko-holische Getränke, zu der auc h die Flaschen gärung von Champagner (17. Jahr hundert), der Weinkorken (18. Jahr-hundert), Kältemaschinen für die Bier brauerei und kontinuierliche Brenn-verfahren für Spirituosen ( beide 19. Jahr-hun dert) gehören. 1889 trug Johann

Heinrich Dräger mit seinem Lubeca-Ventil für das sic here Zapfen von Bier aus einer Kohlensäure-Hochdruckanla-ge ebenfalls zu dieser Entwicklung bei.

Die Industrialisierung der Herstel-lung, Lagerung und Distr ibution von alkoholischen Getränken sorgte für gleich bleibende Qualität und geringe re Preise. Gerade der billige (aus Kartof feln gewonnene) Branntwein wurde aller-dings für den „Elendsalk oholismus“ ver antwortlich gemacht. Der Beg riff be schreibt den Alk oholmissbrauch insbeson dere durch Gruppen unterer Bevölkerungsschichten.

Heute spielt in industr iellem Maß-stab hergestelltes Et hanol aus land-wirtschaftlichen Produkten als Ener -gieträger eine immer wichtigere Rolle, etwa in den Kraf tfahrzeugtreibstoffen E10 (zehn Prozent Ethanol) und E85 (85 Prozent Ethanol). Der Biotreibstoff der zweiten Generation wird dabei nicht mehr aus denselben Quellen gewonnen wie Trinkalkohol, sondern vor allem aus Zellulosefasern. Peter Thomas

Buchtipp: „Uncorking the Past – The Quest for Wine, Beer, and Other Alcoholic Beverages“ / University of California Press, 348 Seiten

Feste-Reste: In steinzeitlichen Keramikkrügen aus China entdeckte der amerikanische Molekulararchäologe Patrick McGovern Spuren, anhand derer er die Herstellung von alkoholischen Getränken rekonstruieren konnte

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Flügel der SeeleIst der Mensch überhaupt vorstellbar ohne Drogen? Fast immer begleiten ihn zu jeder Zeit und in jedem Land SUBSTANZEN, die sein Denken, Fühlen und Handeln verändern.

W enn mittags die Kids in Los Angeles nach einer heißen Ecstasy-Nacht nach Hause

gehen, beginnt der neue T ag in China mit koffeinhaltigen Getränken. Millio-nen Tassen Kaffee, Tee und Cola, aber auch Zigaretten und Amphetaminpil-len begleiten die Menschen auf der gan-zen Welt durch ihren Alltag. In West-Afrika diskutiert man in Schwaden aus Haschisch rauch die T agesereignisse, und in Europa werden zum Feierabend Millionen Bierflaschen geöffnet.

Wenige Kulturen kommen ohne die berauschenden, bewusstseinserweitern-den oder stimulier enden Erfahrungen von Drogen aus: „Der Rausch gehört wie Essen, Trinken und Sex zu den fundamen-talen Bedürfnissen des Menschen.“ Wolf-gang Nešković, ein ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, sagte das, als er sic h für einen liberaleren Umgang mit Canna-bis einsetzte (siehe auch S. 66–67). „Ein menschliches Phänomen ist auc h, den Konsum von Rausch- und Genussmitteln zu ritualisieren, ihm eine sichtbare Bedeu-

tung zu verleihen und damit die eigene Identität und soziale Stellung zu kommu-nizieren“, weiß Dr. Henrik Jungaberle, Suchtpräventions- und Dr ogenforscher an der Universität Heidelberg.

Rituale strukturieren den Drogenkonsum

Hochritualisierte, religiöse Formen des Drogenkonsums finden sich vor allem in Mittel- und Südamerika, Südostasien und Ozeanien. Dort spielen Pflanzen mit psychoaktiven Substanzen bei Schama-nen und spirituellen Heilern eine wich-tige Rolle (siehe auch S. 6–9). Teonana-catl-Pilze, Peyote-Kakteen oder Stechapfel sind nur einige „Flügel der Seele“, mit denen die Indianer Mittel- und Südame-rikas in spir ituellen Sitzungen ver su-chen, in das Reich der Götter, Geister und Ahnen vorzudringen.

Viele Drogen sind Teil des Alltags, wie etwa das Trinken von Kawa (Rauschpfef-fer) in vielen Kulturen des Südpazifiks und das Kauen von Kokablättern, etwa in Bolivien. Der Kawatrunk ist ein Ritual,

New York City, USA: Für Lara ist Ecstasy das Mittel der Wahl, unter großer Auswahl

Lake Eyasi, Tansania, Afrika: Junge Männer lassen eine Haschischpfeife kreisen

Nuku‘alofa, Tonga-Inseln: Aus Wurzeln bereiten Frauen euphorisierenden Kawa

um freundschaftliche Beziehungen her-zustellen, und die Kokablätter erleichtern den Coqueros, den Koka-Kauern, ihren Alltag. Diese Art des Drogenkonsums ist fest in der jeweiligen Kultur verwurzelt.

Stimulierende Drogen wie K affee, Tee oder Tabak sind rituelle Begleiter von Geselligkeit, Muße und Gastfreundschaft. Vor allem in den islamisch geprägten Län-dern spielen sie wegen der weitgehenden Abstinenz von Alkohol – zusammen mit Cannabis und Kathblättern – eine wich-tige Rolle im sozialen Austausch. Doch Rituale können sich ändern, vor allem in den Industriestaaten. „In unserer plura-listischen Gesellschaft entstehen immer neue Rituale – solche, die schützen oder zum Konsum animieren. Oft werden sie in den Medien vorgelebt“, hat Dr o-genforscher Jungaberle beobachtet. Wie der Sonnenuntergang am S trand, der mit bestimmten alkoholischen Geträn-ken genossen wird, oder stark ritualisier-te Technopartys in Industrietempeln mit eigenem Jargon, eigener Musik und Dro-genkonsum. Auf der anderen Seite ent-

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hatten die Eroberer in Amerika und Oze-anien leichtes Spiel, mit dem Feuerwas-ser die indigenen Kulturen zu zerstören.

Als uraltes Rausch- und Genussmittel ist Alkohol in den meisten K ulturen ein zentrales Element von Zeremonien, mit denen große und kleine Ü bergänge im Leben begangen werden. Das geht vom Ende des Arbeitstags, an dem die „Happy Hour“ lockt, bis zum Ende der Schulzeit mit dem Trinkgelage unter Abiturienten. Bei den Mestizen in Peru ist Maisbier ein ständiger Begleiter zu unterschiedlichen Ereignissen wie der Taufe, dem ersten Haarschnitt bei Jungen oder Ohrlochste-chen bei Mädchen. In anderen Kulturen wiederum stärkt man sich mit Alkohol für den Arbeitstag: in der Normandie, wo man auf einen Calvados in die Bar ein-kehrt, oder in Peru, wo Alkohol vor körper-lich schweren Arbeiten konsumiert wird.

In einem Punkt sind sic h allerdings alle Kulturen einig: Der einsame Alkohol-genuss zu Hause ist ver dächtig und ent-sprechend verpönt. Regina Naumann

Linhuan, China: Bangbangcha-Tee ist eine der beliebtesten Alltagsdrogen in Asien

stehen neue Rituale des Fastens und der Drogenabstinenz, nicht nur in christlich geprägten Kreisen.

Alkohol hat seit r und 9.000 Jahr en einen beispiellosen Siegeszug durch die ganze Welt hinter sich. Abstinente Kultu-ren haben es angesichts der Globalisierung schwer, sich gegen das Eindr ingen des Alkohols zu behaupten. Und eine Kultur, in der Alkohol einmal etabliert war, kann ihn erfahrungsgemäß nicht wieder restlos

abschaffen. Spektakuläre Verbote wie die Prohibition in den USA von 1 919 bis 1933 konnten nicht durchgehalten werden und waren ein wichtiger Baustein beim Aufbau der organisierten Drogenkriminalität.

Von verboten bis freizügig: Begründen lässt sich beides

In weiten Teilen der islamischen Welt gilt ein aus dem Koran abgeleitetes Alkohol-verbot. Zwar steht in den entsprechenden Versen nicht der Begriff „haram“ (verbo-ten) – und eine Minderheit der muslimi-schen Geistlichen ist der Auffassung, nur ein Übermaß an Wein sei verboten –, doch hat sich diese liberalere Ansicht nicht durchgesetzt.

Genetisch bedingt vertragen Ostasia-ten, Aborigines und die indigenen Völker Amerikas Alkohol schlechter als die meis-ten Europäer. Sie ver fügen häufig nur über geringe Mengen des Enzyms Alko-holdehydrogenase, mit dem Alkohol in der Leber abgebaut wird, und spüren deshalb die Wirkungen schneller. Auch deshalb

El Alto, Bolivien: Ein alter Mann stärkt sich mit den Blättern des Kokastrauchs – wie seine Vorfahren

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Jahrzehntelanger Fortschritt: 1953

kam der erste Dräger Alcotest

mit Prüf röhrchen auf den Markt.

Heute sind schnel-le und präzise

Mess geräte Stand der Technik, die

mit elektrochemi-schen Sensoren

arbeiten

Puste, wer solle Alkohol im Straßenverkehr ist gefährlich. Jahrzehntelang fehlte ein Messverfahren, um den GRAD DER INTOXIKATION schnell und sicher zu bestimmen. 1953 setzte Dräger mit dem „Alcotest“-Röhrchen Maßstäbe. Heute werden Atemalkoholmessungen sogar vor Gericht anerkannt.

gebnis, um etwa in Deutschland eine Ordnungswidrigkeit nach Paragraf 24a Straßenverkehrsgesetz zu belegen. „Hier-für besitzt derzeit ausschließlich das Drä-ger Alcotest 7110 Evidential MK III eine Bauartzulassung durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt“, sagt Dr. Jür-gen Sohège, Produktmanager bei Dräger.

Dahingegen dient der erste Alcotest mit Dräger-Röhrchen (und Volumenkon-trolle durch einen Folienbeutel) bis heute vor allem als Vortest, um bei Verkehrskon-

Pusten, ablesen, fertig: Als Dräger 1953 das Alcotest-Röhrchen auf den Markt bringt, lässt sich erst-

mals mit einem einfachen Atemtest fest-stellen, ob ein Kraftfahrer unter Einfluss von Alkohol steht. Durch die kontinuier-liche Forschung zur Atemalkoholmes-sung hat das Lübec ker Unternehmen seither verschiedene andere Methoden auf dem Markt etabliert, die auf elektro-nischen Sensorsystemen basieren – bis hin zum gerichtsverwertbaren Messer-

trollen festzustellen, ob eine Int oxika-tion vorliegt. In den Röhrchen befinden sich Schwefelsäure und gelbes Kalium-dichromat. Diese Grundstoffe reagieren zu Acetaldehyd und dreiwertigem grünem Chrom, wenn beim Test der Trinkalkohol Ethanol mit der ausgeatmeten Luft durch das Röhrchen strömt. An der Intensität und Ausdehnung der Verfärbung lässt sich die Ethanolkonzentration ablesen. Wenn der Vortest eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat (absolute Fahruntüchtigkeit am

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le als Grenzwert für die absolute F ahr-untüchtigkeit festgelegt. Ähnliche Grenz-werte etablierten sich auch andernorts. Das Problem des Fahrens unter Alkohol-einfluss ist international – ebenso wie der Markt für Drägers Alcotest. In vielen Ländern wird der Name zum Synonym für Alkoholnachweisverfahren.

Von Intoxikation und Dampfmaschinen

Das Problem mit Alkoholsündern im Stra-ßenverkehr ist Mitte des 20. Jahr hun-derts nicht neu, und es hängt auch nicht ursächlich mit dem Aut omobilverkehr zusammen. So ist das Aut omobil noch gar nicht erfunden, als das britische Par-lament Alkohol am Steuer erstmals unter Strafe stellt. 1872 wird in Westminster ein „Licensing Act“ verabschiedet, mit dem die Gefährdung der Allgemeinheit

durch alkoholisierte Fahrzeugführer eingedämmt werden soll. Bis das er ste Exemplar des 1886 von Daimler und Benz erfundenen Motorwagens nach England kommt, dauert es zwar noch bis ins Jahr 1894, doch schon um 1870 gibt der dichte Verkehr im industrialisierten Großbritan-nien Anlass genug für ein Verbot, „betrun-ken auf einer Straße oder im öffentlichen Raum ein Fuhrwerk, ein Pferd, Rind oder eine Dampfmaschine zu führen“. Durch-schlagenden Erfolg hat der „Licensing Act“ von 1872 nicht. Das Problem beglei-tet seither die Mobilitätsgeschichte und wird überall auf der Welt durch Verbo-te, Kontrollen und Prävention bekämpft.

Aber was genau heißt eigentlic h „betrunken“? Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fehlt den Or dnungshü-tern ein schnelles und zuverlässiges Ver-fahren, um bei einer Verkehrskontrolle

Steuer) erwarten lässt, wird eine weitere Bestätigungsanalyse angefordert.

Die Entwicklung des Röhrchens ist ein klassisches Beispiel für weitsic hti-gen Wissenstransfer aus einer anderen Anwendung. Denn das Know-how stammt aus der Gasmesstechnik, in der Dräger seit den 1930er-Jahren weltweit Maßstä-be setzt, sagt der promovierte Elektroche-miker Sohège. Die Idee zu dem neuen Nachweisverfahren hatten die Dräger -Inge nieure am Morgen nac h einer Betriebsfeier. Das Messver fahren kam zur rechten Zeit, denn mit der Massen-motorisierung stieg nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Zahl der unter Alk o-holeinfluss verursachten Verkehrsunfälle drastisch. Das spiegelt sich in der Recht-sprechung wider. So wird ebenfalls 1953 für die Bundesrepublik Deutschland eine Blutalkoholkonzentration von 1,5 Promil-

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Seit den 1920er- und 1930er-Jahren ist der Zusammenhang von Blut- und Atem-alkoholgehalt belegt

den Grad der Intoxikation eines Fahrers bestimmen zu können. Die tatsächliche Einschränkung des Reaktionsvermögens durch die Wirkung von Alkohol ist nur schwer zu messen, stattdessen kann die Blutalkoholkonzentration (Blood Alcohol Content, BAC) oder die Alkoholmenge im Urin bestimmt werden. Doch bei alltägli-chen Verkehrskontrollen lassen sich diese mitunter aufwendigen Verfahren kaum in großem Maßstab durchführen.

„In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde dann wissensc haftlich belegt, dass sich die Blutalkoholkonzentration über den A tem bestimmen lässt“, sagt Dr. Sohège. Der amerikanische Arzt Emil Bogen schlägt 1927 vor, die exspiratori-sche Atmung zum Nachweis der BAC zu nutzen. Als maßgeblich gelten die Studien der schwedischen Pharmakologen Göran Liljestrand und Paul Linde, die sie 1930 veröffentlichen („Über die Ausscheidung

des Alkohols mit der Exspirationsluf t“). Liljestrand und Linde belegen den Zusam-menhang zwischen Exspirationsluft und Blutalkoholkonzentration. Sie gehen noch davon aus, dass der Grund ausschließlich im Gasaustausch zwischen Luft und Blut in der Lunge liegt. Später wir d jedoch die Diffusion von Alkohol im gesamten Atemtrakt als Basis für das Verhältnis von BAC und der Atemalkoholkonzentration (Breath Alcohol Content, BrAC) erkannt.

Dräger-Röhrchen bieten ersten Schnelltest

Die schwedischen Wissenschaftler schlussfolgern, dass „zwei Liter Aus-atemluft (bei 34 Grad Celsius) etwa so viel Alkohol enthalten wie ein Kubikzen-timeter Blut“. Als durchschnittliches Ver-hältnis der gemessenen Werte von Blut- und Atemalkoholkonzentration (Blood Breath Ratio, BBR) wird in den meisten Ländern der Faktor 2.100 verwendet. Weil die Streubreite der BBR abhängig von ver-schiedenen Rahmenbedingungen aber zwischen 2.000 und 2.300 liegt, ist eine direkte Konvertierung von gemessenen Werten in die jeweils andere Einheit bei einem gerichtsverwertbaren Test nicht üblich. Vielmehr haben sich eigenstän-dige Grenzwerte für Atem- und Blutalko-holtests etabliert, die unabhängig vonei-nander gelten. So heißt es in Deutschland im Paragraf 24a des Straßenverkehrsge-setzes: „Ordnungswidrig handelt, wer im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug führt, obwohl er 0,25 mg/l oder mehr Alkohol in der Atemluft oder 0,5 Promille oder mehr Alkohol im Blut oder eine Alkoholmenge im Körper hat, die zu einer solchen Atem-

oder Blutalkoholkonzentration führt.“ Die BAC wird in den meisten Ländern in Milligramm Ethanol je Kilogramm Blut oder je Liter Blut angegeben („Pr omil-le“), die BrAC in Milligramm Ethanol je Liter ausgeatmeter Luft.

Der erste Ansatz, die Er kenntnis-se über den Zusammenhang von B AC und BrAC für die Kontrolle von Verkehrs-teilnehmern zu nutzen, ist das 1 938 in den USA von Rolla N. Harger entwickel-te „Drunkometer“, das mit einem nass-chemischen Verfahren arbeitet. „Das war eher ein transpor tables Chemie-labor als ein mobiles T estgerät“, sagt Dr. Sohège. Als Dräger seine Alco test-Röhrchen 1953 auf den Markt bringt, folgt in Nordamerika der von Robert F. Bor-kenstein entwickelte „Breathalyzer“, der die BrAC mit einer chemischen Reak tion misst, die elektrisch ausgewertet wird. Später übernimmt Dräger Herstellung und Vertrieb des Breathalyzers.

Doch die Dräger-Röhrchen sind der erste Alkoholtest, der regelmäßig opera-tiv im Straßenverkehr eingesetzt wird, um eine objektive Einschätzung der BrAC zu erhalten. „Polizei und Verkehrsbehörden wissen seit den 1950er-Jahren, dass für eine zuverlässige Prävention eine mög-lichst schnelle Messung vor Or t notwen-dig ist“, sagt Dr. Sohège. Entsprechend schnell setzen sich die T eströhrchen durch. Und sie werden nicht nur von den Ordnungshütern akzeptiert, sondern wegen der gut nachvollziehbaren Anzei-ge auch von den kontrollierten Kraftfah-rern. Neben Deutschland gehören Groß-britannien, Schweden und Australien zu den Märkten der ersten Stunde.

Das amerikanische „Drunkometer“ arbeitet mit einem nasschemischen Nachweisverfahren

Borkenstein (links) und sein „Breathalyzer“

Prototyp „Alcytron“: erstes Mess-gerät mit infrarot-optischem Sensor

1938

Der Klassiker: Drägers Alcotest-Prüfröhrchen

1953 1953 1978

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Infrarot oder elektrochemischer Sensor: Die beiden gängigen Messverfahren zur Bestimmung der Atemalkoholkonzentration beruhen auf unterschiedlichen Prinzipien. Während der infrarot-optische Sensor die Absorption von Licht durch Ethanol misst, entsteht das Signal des elektrochemischen Sensors durch die Oxidation der Moleküle an einer Katalysatorschicht

Auf diesem Er folg ruht man sic h in Lübeck aber nicht aus. Denn die Dräger-Experten wissen, dass die Ansprüc he an die Alkohol analytik kontinuierlich stei-gen. „Es gab bald eine F orderung nach schnelleren, genaueren – und damit auch gerichtsverwertbaren – Ergebnissen“, sagt Dr. Sohège. Aus kriminologischer Sicht sei der Atemtest sowieso das direktere Verfah-ren. Denn der von der Diffusion aus arte-riellem Blut abhängige Atemalkohol gibt die Konzentration des auf die Arterien des Gehirns wirkenden Alkohols direkter wie-der als der Blutalkohol, der aus venösem Vollblut oder dessen Serum mit Verfahren wie der Gaschromatografie oder Alkohol-dehydrogenase bestimmt wird.

Die Messtechnik der Zukunft basiert auf Elektronik

Die neuen Geräte für den A temalko-holtest, die Dräger in den 1 970er- und 1980er-Jahren entwickelt, arbeiten mit elektrischen und elektronischen Syste-men. „Bei der Entwicklung dieser neu-en Technik nutzen wir konsequent die Möglichkeiten, die miniaturisierte Sen-soren der jeweils aktuellen Genera tion bieten“, sagt Dr. Sohège. T echnische Impulse kommen dabei wieder aus dem Bereich der Messung gefährlicher Gase.

Wohin der Weg geht, zeigt Dräger bereits 1978 mit dem „Alcytron“, einem Prototyp mit infrar ot-optischem Sen-sor. Bei diesem Verfahren sendet eine Lichtquelle infrarote Strahlung einer bestimmten Wellenlänge aus, die durch eine Messkammer geleitet und anschlie-ßend von einer Fotozelle gemessen wird. Befindet sich das zu detektierende Gas

INFRAROT-OPTISCHER SENSOR

ELEKTROCHEMISCHER SENSOR

Schematisches Messprinzip

Lampe Fenster Fenster Infrarotspektrum Interferenz-filter

Detektor

GasSpektrallinien

Messsystem

Elektrochemischer Sensor

Elektro-PumpenmotorKolben

Probenahme-Kammer

Dräger übernahm von Smith & Wesson die Produktion des „Breathalyzer“

1980

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Moderne Elektro-technik ist der Schlüssel zur gerichts ver-wertbaren Messung von Atemalkohol

tisch wirksamen Schicht der Messelek-trode und erzeugt dabei einen Strom, der als Signal für die Ber echnung des Mess-werts dient. Dieser elektrochemische Sen-sor reagiert sehr spezifisch auf Alkohol, sodass ebenfalls in der Atemluft vorkom-mende Ketone wie Aceton das Ergebnis nicht verfälschen können. Seine Premie-re erlebt der Sensor 1988 im Alcotest 7410.

Mit elektrochemischem Sensor und Infrarottechnik hat Dräger um 1990 die beiden Verfahren etabliert, die in den kommenden Jahren den Grundstein für eine Innovationsgeschichte legen. Aus dem ersten Alcotest 7410 entwickelt man eine ganze Familie von Geräten bis hin zum 7410 Plus com mit digitaler Volltext-anzeige und elektronischem Datenaus-tausch. „Die in der jeweiligen Landesspra-che ausgegebenen Ergebnisse mac hen die Messung für alle Be teiligten intuitiv nachvollziehbar“, sagt Dr. Jürgen Sohège. Längst sind Messgeräte mit elektrochemi-schem Sensor Standard für Vortests gewor-den. In Deutschland hat heute so gut wie jeder Streifenwagen der Polizei ein elek-tronisches Alkoholmessgerät an Bord. Den aktuellen Stand der Dräger-Vortestgeräte markieren der 2004 vorgestellte Alco test 6510, der Alcotest 6810 (aus dem Jahr 2005) sowie der Alcotest 7510 (2008).

Aber auch mit der Infrar ottechnik geht es voran: 1 985 erscheint der Drä-ger Alcotest 7110 mit einem besonder s selektiv auf Alkohol ansprechenden Infra-rotsensor. Die dr itte Generation dieses Geräts (1994) bietet auf Wunsch die Kom-bination mit einem elektrochemischen Sensor. Dieses Doppelsensorsystem wird vier Jahre später im Alcotest 7110 Eviden-

tial zur Serienausstattung und schafft die Basis für eine gerichtsverwertbare Atem-alkoholkontrolle. „Das ist ein absoluter Meilenstein, denn das Gerät liefert durch seine redundante Auslegung besonders sichere Ergebnisse, die in ihr er Evidenz der Blutprobe gleichgestellt werden“, sagt Dr. Sohège. Die Leistungsf ähigkeit der Technik bestätigt die Physikalisch-Techni-sche Bundesanstalt (PTB), die den Alcotest 7110 Evidential MK III als er stes Atemal-koholmessgerät mit ger ichtsverwertba-ren Ergebnissen zulässt. Mit einem ähn-lichen Doppelsensorsystem arbeitet auch das 2007 vorgestellte Evidential-Messge-rät Alcotest 9510, das gleichermaßen sta-tionär wie mobil eingesetzt werden kann.

Paradigmenwechsel in der Messstrategie

Nach der Präsentation der ersten Alcotest-Röhrchen im Jahre 1953 arbeitet man heute an Geräten mit weiter op timier-ten Reak tionszeiten für umfangreiche und hochfrequente Verkehrsprüfungen. „Das ist weltweit ein Trend für die nahe Zukunft“, sagt Dräger -Produktmana-ger Sohège. Außerdem soll die optische Filtertechnik weiter verbessert werden, um noch genauere In frarotsensoren zu erhalten. Eine ganz neue Op tion könn-ten künftig transdermale Messungen sein, bei denen die Alk oholkonzentrati-on des Bluts durch die Haut festgestellt wird (siehe auch S. 20–21). Die entspre-chende Technik bietet im Gegensatz zum Atemtest und gegenüber der Blutpr obe den Vorteil einer komplett kooperations-freien Messung. Davon würden auch Alko-holtestgeräte profitieren, die in Szenar i-

in der Kammer, absorbiert es einen Teil der Strahlung, was die Signalstärke der Fotozelle reduziert. Daraus lässt sich die Gaskonzentration errechnen. Vier Jahre später kommt der Alcotest 7010 auf den Markt, der ausschließlich stationär ein-gesetzt wird.

Parallel zur Infrarottechnik führt Drä-ger einen Halbleitersensor auf Basis von Zinndioxid ein. Mit dieser Messzelle wird der mobile Alcotest 7310 ausgerüstet, der 1980 auf den Mar kt kommt. Nun lässt sich bei Kontrollen der gemessene Wert wenige Sekunden nach der Probenahme von der digitalen Anzeige ablesen. Bald setzen elektrochemische Sensoren neue Maßstäbe für schnelle und exakte BrAC-Kon trollen. In diesen Geräten wir d die Messkammer mit einem genau definier-ten Luftvolumen beschickt. In der Kam-mer oxidiert das in der Luf t enthaltene Ethanol elektrochemisch an der kataly-

Alcotest 7010 mit infrarot-optischem Sensor

Elektrochemischer Sensor: Alcotest 7410

Atemalkoholbasierte Wegfahrsperre: Interlock

Gerichtsverwertbare Messung mit dem Alcotest 7110 Evidential

1988 1998 20031982

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en abseits des Straßenverkehrs eingesetzt werden – etwa in der Notfallmedizin, um Patienten auf Alkoholeinfluss zu untersu-chen (siehe auch S. 56–57).

Doch die Experten für Alkoholmes-sung denken über die Verbesserung beste-hender Lösungen hinaus. Dabei geht es um einen Paradigmenwechsel – weg von der nachträglichen Kontrolle hin zur präventiven Messung, um das Bedienen von Fahrzeugen oder kr itischen Anla-gen unter Alkoholeinfluss zu unterbin-den. Dazu dient das Dräger Interlock XT. Es wird in Transportmitteln wie Bussen, Taxen und Lokomotiven eingebaut, um den Passagieren mehr Sicherheit zu bie-ten. Aber auch in Personenwagen, deren Fahrer durch Alkohol am Steuer auffäl-lig geworden sind, kommen Alkohol-Inter-locks zum Einsatz, um den F ahrern so die erneute Teilnahme am Straßenver-kehr unter strengen Auflagen zu ermög-lichen (siehe auch S. 46–49). Das er ste Dräger Interlock, das die Zündung er st nach einer negativ verlaufenen Atemkon-trolle freigibt, kam 1994 auf den Markt.

Ob Verkehrskontrolle, Alkohol-Inter-lock oder Langzeitüberwachung, ob elekt-rochemischer Sensor oder Infrarottechnik – jede neue Generation der Alkoholtestge-räte von Dräger setzt neue Schwerpunk-te in einem Markt, der mehr Sicherheit ins Leben bringt. Dafür steht der Dräger Alcotest seit 1953, als die ersten Autofahrer eine Atemprobe in das Dräger -Röhrchen mit Messbeutel abgaben. Peter Thomas

Mit Touchscreen: Evidential-Messgerät Alcotest 9510

2007

Vergleich mit Grenzwert

Direkter Vergleich mit Grenzwert

1 x Entnahme von venösem Vollblut

2 x Entnahme einer Atemprobe mit Lungenluft

Alkohol im Magen-Darm-Trakt

Arterien desGehirns

Rückrechnung von Blutserum auf Vollblut (‰)

mit mittlerem Divisor 1,2

4 x Alkohol-Konzentrations-bestimmung (‰) im

Blutserum (Flüssigkeits-konzentration)

Blutserum

Abtrennung der festen Bestandteile

Transport

Venen der Arme

Arterien der Arme

Herz

Kapillarblut in den Lungenbläschen

Jeweils direkte Alkohol-Konzentrationsbestim-mung (mg/l) in Lungen-luft (Gaskonzentration)

Lungenluft (Henry-Gesetz)

Blut / Herz

Information: Präzise Alkoholmessungen mit Dräger-Gerätenwww.draeger.com/392/diagnostik

WIE SICH ALKOHOL IM KÖRPER MESSEN LÄSST

Beim Trinken geht Alkohol in verschie-dene Teile des Körpers über – beispiels-weise Blut, Atemluft, Urin und Schweiß.

Die Grafik zeigt generell die Be stimmung des maß geblichen Alkoholwerts aus dem Blut (links) sowie der Atemluft

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ALKOHOLMESSUNG NEUE VERFAHREN

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Durch die HautIn den USA, wo es eine hohe alkoholbedingte Kriminalitätsrate gibt, sind die Vollzugsbehörden daran interessiert, Bewährungsauflagen von ALKOHOLSTRAFTÄTERN besser überwachen zu können. Dabei kommen sogar elektronische Fußfesseln zum Einsatz.

W enn der Alkoholgehalt dau-erhaft und lückenlos über-wacht werden soll, scheiden

Zufallstests (Blut-, Atem- oder Urintests) aus. Sie sind kostspielig, benötigen mitun-ter medizinisches Personal und bewirken keine Verhaltensänderung bei den Delin-quenten. Da bietet die Alkoholmessung in Schweiß und Hautausdünstung große Vorteile. Ein kleiner Teil von etwa fünf bis zehn Prozent des getrunkenen Alkohols wird nicht in der Leber abgebaut, sondern direkt über die Atemluft, die Haut sowie den Urin und Hautschweiß ausgeschie-den. Mit nur einem Pr ozent erscheint die Ausscheidung über die Haut zw ar sehr gering, hat aber einen g roßen Vor-teil: Die darüber abgegebene Alkoholmen-ge ist, mit einer Verzögerung von einer halben bis zu zwei S tunden, ein Abbild der Alkoholkonzentration im Körper – und damit ein leicht zugänglicher Marker für den Alkoholkonsum.

Mit einem kleinen Gerät, dem SCRAM® der Firma Alcohol Monitoring Systems, das manipulationssic her am Fußgelenk befestigt wird, können die Messungen automatisch rund um die Uhr durchgeführt und die Ergebnisse über einen Sender an eine Zentrale zur Auswer-

tung geschickt werden. Der Delinquent hat keine Chance: Jeder Verstoß gegen die Auflagen wird sofort geahndet. Das Innenleben der Fußfessel ist technisch anspruchsvoll. „Die Alkoholmessung über die Haut funktioniert im Prinzip wie ein Atemalkoholtest – elek trochemisch mit einer Brennstoffzelle“, erklärt Dr. Jür-gen Sohège, Produktmanager bei Drä-ger. „Das Gerät nimmt halbstündlich Pro-ben aus dem ‚Luftkissen‘ über der Haut. Im elektrochemischen Sensor wird der Alkohol in ein Stromsignal umgewandelt, das ausgewertet werden kann.“ Mehrere 10.000 dieser Geräte sind mittlerweile in den USA im Einsatz, und die Er fahrun-gen sind positiv: Drei von vier Verurteil-ten halten sich an die Bewährungsaufla-gen. Und es geht noch strenger: Wenn die Delinquenten in einer verschärften Versi-on Hausarrest verordnet bekommen, der mithilfe eines GPS-Senders im Messgerät überprüft wird, halten sich sogar bis zu 90 Prozent an die Auflagen.

Mit Licht in die Haut

Nicht immer dient die Alkoholmessung der Verfolgung und Sanktion von alkohol-bedingten Straftaten. Ein großer Bedarf könnte sich auch im Bereich der Präven-

tion ergeben. Das kann im Autoverkehr sein, wenn aus Sicherheitsgründen gene-rell jegliche Alkoholfahrten verhindert werden sollen, aber auch im beruflichen Umfeld, wenn die Bedienung bestimmter Geräte völlige Nüchternheit erfordert. In all diesen Fällen kann man nicht unbe-scholtene Menschen durch das Tragen eines Alkoholdetektors stigmatisieren und einschränken.

Für diesen Zwec k ist die A temal-koholkontrolle vor dem S tarten eines Fahrzeugs mit dem Inter lock-System bereits Realität (siehe auch S. 46–49). Aber auch optische Messmethoden sind denkbar, die den Alkoholgehalt durch die Haut hindurch messen, zum Beispiel am Finger. In einem breit angelegten For-schungsverbund in den USA (Driver Alco-hol Detection System for Safety; DADSS) werden optische Methoden mit Nah-Inf-rarotlicht (NIR) für Messgeräte in Autos erforscht. Diese elektr omagnetischen Wellen im Frequenzbereich von 0,7 bis 2,5 µm dr ingen beim Berühren eines Sensors mit dem Finger bis zu fünf Mil-limeter tief in die Haut ein. Die Lic ht-strahlen werden vom Gewebe reflektiert und analysiert. Aus der Lic htreflexion lässt sich die Gewebealkoholkonzentra- F

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tion ermitteln – und notfalls das Starten des Autos elektronisch verhindern. Ein Tischgerät auf Basis dieser Technologie, das TruTouch® 2500 von TruTouch Tech-nologies, steht bereits zur Verfügung. Es soll präventiv in Hochrisiko-Arbeitsberei-chen eingesetzt werden, um so sicherzu-stellen, dass auch jeder Mitarbeiter vor Beginn der Arbeit absolut nüchtern ist.

„Noch ist die Nah-Infrarot-Techno-logie nicht völlig ausger eift, aber sie

zeigt interessante Möglichkeiten für die Zukunft auf“, sagt Dr. Sohège. Auch in Deutschland beschäftigt sich ein Unternehmen in Hamburg (Dermalog Identification Systems GmbH) mit der Entwicklung der transder malen Alko-holmessung auf Basis der N ah-Infrarot-Technologie. In ersten Versuchen konnte die Phy sikerin Clarissa Hengfoss zeigen, dass eine spektroskopische Messung des Gewebealkohols im Finger möglich ist.

Allerdings ist die Methode in der Praxis durch technische Probleme – wie Licht-streuungen im Gewebe, Überschneidun-gen der Spektrallinien von Alkohol mit denen von Eiweißen und Fetten sowie eine unbefriedigende Kalibrierung – noch sehr aufwendig. „Wir sind in der Entwicklung schon weit gekommen, aber bis zu einem allt agstauglichen Gerät dauert es noch“, sagt Geschäftsführer Günther Mull. Regina Naumann

Di debitem autem ipsam harciis alicip-

sus exeruptaqui nestrum as-

sedic tem eos eic tem id mo diandebisque sit quam que volupta illist

isitibus

Die Fußfessel SCRAM überwacht kontinuierlich den Alkoholspiegel eines Delinquenten

„Gefesselte“ US-Schauspieler: Lindsay Lohan wurde betrunken am Steuer erwischt – und musste eine Fußfessel tragen. Rechts: Andy Dick bei einer Filmpremiere in Los Angeles (2009)

Fesselnde Idee Wer sündigt, wird bestraft. Doch es geht auch sanfter: mit einer Rechtsprechung, die auf Einsicht und Änderung des Verhaltens setzt. Ein Mittel dazu ist die kontinuierliche (24/7) Überwachung konformen Verhaltens durch eine Fußfessel wie dieser SCRAM (Secure Conti-nuous Remote Alcohol Monitor). Sie misst alle 30 Minuten transdermal den über die Haut abgegebenen Alkohol und sendet diese Werte plus die der Temperaturkontrolle an einen Zentralserver – entweder direkt via integriertem Handy-Chip oder über eine Basisstation.

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WIRKUNG ETHANOL

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Reine NervensacheKleine Ursache, große Wirkung: Selbst geringe Mengen Alkohol können das KOORDINATIONS- UND REAKTIONSVERMÖGEN einschränken.

A lkohol gehört für viele Men-schen einfach dazu. Ein Glas Wein beflügelt die Gedank en,

eine Runde Bier sorgt für Heiterkeit. Der leicht enthemmende Effekt eines alko-holischen Getränks (ein internationaler „Standard-Drink“ enthält zehn Gramm Ethanol) ist dabei nichts anderes als die erste Stufe eines komplexen Wirkprozes-ses auf das zentrale Nervensystem (ZNS): Ethanol-Moleküle lagern sich in die Pro-teine der Nervenzellen ein und verän-dern deren Funktion. Insbesondere die Ionenkanäle – zuständig für die Signal-übertragung im Transmittersystem der Nerven- und Muskelzellen – werden vom Ethanol beeinflusst. Bestimmte Wege

der Reizübertragung werden verstärkt, die meisten jedoch gedämpft. Beispiels-weise verliert das Gehirn so die Fähigkeit, gefährliche Situationen zu erkennen und richtig einzuschätzen. Eine Studie des National In stitute on Alcohol Abuse and Alcoholism in Maryland, USA, hat den ent-sprechenden Effekt auf das Gehir n mit-tels Magnet resonanztomografie gezeigt.

Der Effekt setzt etwa zwei Minuten nach Aufnahme des ersten Getränks ein und steigert sich bei weiterem Konsum proportional zur Alkoholkonzentration im Blut – bis hin zu sc hweren Ausfallerschei-nungen. Subjektiv wirkt Ethanol zunächst stimulierend, betäubend und wärmend. Höhere Dosen können zu Selbstüberschät-

zung, Aggressivität sowie Minderung der Denk-, Sprach- und Sehfähigkeit führen. Schließlich treten Benommenheit und Bewusstlosigkeit auf. Die Sc hwelle zur Beeinträchtigung des Koordinations- und Reaktionsvermögens kann beim einzel-nen Menschen vergleichsweise gering sein. So stellt das Institut für Arbeitssc hutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversiche-rung in der GESTIS-Stoffdatenbank fest: „Die ZNS-Leistung kann bereits bei Etha-nol-Blutkonzentrationen von 200 bis 300 mg/l (0,2 bis 0,3 Promille) beeinträchtigt sein, ab 0,6 bis 0,7 Pr omille ist sie bei der Mehrzahl der Menschen erheblich beein-flusst.“

Karussell der Sinne

Manche Effekte setzen sich aus verschie-denen Symptomen zusammen. So wir d das mit der Intoxikation einhergehende Schwindelgefühl einerseits durch den neurologisch gestörten Abgleich der für das Gleichgewichtsem pfinden notwendi-gen Sinne verursacht. Der alkoholische Lageschwindel entsteht dagegen dur ch die Diffusion von Ethanol in die sogenann-te „Ampullenkuppel“ oder Cupula des Drehsinnorgans. Normalerweise haben Cupula und die sie umgebende L ymphe dasselbe spezifische Gewicht. Bei einem Alkoholspiegel von mehr als 0,3 Pr omille sinkt das spezifische Gewicht der Cu pula so deutlich im Vergleich zur Lymphe, dass sie nicht nur auf Drehbewegungen, son-dern auch auf Lageveränderungen des Kopfes reagiert. So entsteht ein Sc hwin-delgefühl, das mit umgekehrtem Verhält-nis auch beim Abbau des Ethanols auf-treten kann. Peter Thomas

Gehirn: durch Absterben von Gehirn zellen abnehmend: Gedächtnis, Konzentration, Urteilsvermögen, Intelligenz – bis zum völligen geistigen Abbau

Herz:Bluthochdruck,Herzrhythmusstörungen,Herzmuskelentzündungen

Bauchspeicheldrüse:Funktionsstörung, Entzündung (Pankreatitis)

Geschlechtsorgane:Nachlassen der Libido, Impotenz

Haut: teigig, aufgedunsen

Magen und Darm:Schleimhautentzündung (Gas-tritis), Funktions störung, Krebs

Persönlichkeit:Unzuverlässigkeit, Reizbar keit, Unruhe, übertriebene Eifersucht, vielfältige Ängste, Depression, Selbst mord gedanken

Nerven:Störungen, Krämpfe, Zittern, Kribbeln

Leber: Verfettung, Schwellung, Leberzirrhose (Schrumpfleber), Krebs

Mundraum, Rachen, Speiseröhre: Krebs

Nase:knollenartige Verdickung

Bauch:Übergewicht

Wie Alkohol schadetMögliche Folgen eines überhöhten Konsums

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BADESALZE LEGAL HIGHS

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Kunst-Stoffe Die Rauschgiftszene ist ständig in Bewegung – vor allem bei den SYNTHETISCHEN DROGEN kommen immer neue Stoffe auf den Markt. Rauschmittel, die als „Badesalz“ verkauft werden, breiten sich rasant aus. Ihre Wirkung erschüttert selbst erfahrene Mediziner.

Badesalz, Spice, Pflanzennährstoff: Was harmlos klingt, kann lebens-gefährlich sein. Neben den klas-

sischen Rauschgiften spielen die unter Fantasienamen verkauften „Legal Highs“ eine immer g rößere Rolle im Drogen-markt. Legal ist diese Gr uppe syntheti-scher Stoffe nur insofern, als dass es noch keine Verbote für sie gibt. In zahlreichen Ländern wird aber genau daran gearbei-tet. Allerdings erinnert die Verfolgung der Kunst-Drogen an das W ettrennen zwischen Hase und Igel: Denn die Produ-zenten bringen neue Stoffe schneller auf den Markt, als bestehende Mischungen verboten werden. In Deutschland kön-nen Vertrieb und Konsum einer Droge erst verboten werden, wenn der entspre-chende Stoff im Betäubungsmittelgesetz aufgeführt wird. Außerdem werden die als Badezusatz oder Räuchermischung deklarierten Stoffe auf den P ackungen ausdrücklich nicht für den menschlichen Konsum angeboten – das macht schnelle Verbote auch in den USA schwierig.

Regionale Trends

Die Problematik wird immer drängen-der: Allein im Jahr 2012 wurden 57 neue Varianten synthetischer Drogen entdeckt, wie die europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) in ihrem Jahresbericht feststellt. Drei Jah-re zuvor waren es noch 24 neue Substan-zen. EBDD-Präsident Wolfgang Götz warnt deshalb vor der Konjunktur dieser Stoffe. Ein internationales Register sei dringend notwendig, um die Verbreitung psychoakti-ver Substanzen besser eindämmen zu kön-nen. Ein Überblick der neuen Kunst-Stoffe

zeigt ein ausgesprochen heterogenes Bild auf. Denn auch wenn ihre Wirkung oft jener von bekannten Rauschgiften ähnelt, unterscheiden sich die synthetischen Sub-stanzen chemisch meist g rundsätzlich von diesen. Das gilt e twa für die synthe-tischen Cannabinoide, die an die Canna-bis-Rezeptoren im Gehirn andocken und die vor allem in Kräuter -Rauchmischun-gen enthalten sind. Synthetische Cathino-ne hingegen werden in sogenannten Bade-salzen verkauft. Toxizität und Intensität der „Legal Highs“ betragen oft ein Viel-faches herkömmlicher Drogen, weshalb ihre psychischen und körperlichen Risi-

ken die bekannten Wirkungen etablierter Rauschgifte erheblich übertreffen, mitun-ter sogar potenzieren können – etwa wenn die im Markt angebotenen Produkte mit-einander kombiniert werden.

Über die Wirkung der im „Badesalz“ enthaltenen Substanzen wie Mephedron oder Methylendioxypyrovaleron kursiert manche Horrorgeschichte. In den USA ist ein Mann laut „N ew York Times“ auf einen Mast am S traßenrand geklet-tert und in den Verkehr gesprungen, ein anderer sei im Rausc h in ein Kloster eingedrungen und habe einen Pr iester erstochen. Peter Thomas

Unter falscher Flagge: Mit immer neuen Substanzen versuchen Drogenproduzenten, staatliche Verbote zu umgehen. Dazu gehört auch diese mit Drogen versetzte Kräu termischung, die weder Speisen würzen soll, noch der Zubereitung einer Art von Kamillentee dient. Es geht um den Rausch – weshalb diese Proben auch im Dezernat Chemie des Landeskriminalamts in Frankfurt am Main gelandet sind

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Die Spur des SpeichelsHerkömmliche Blut- und Urintests sind aufwendig, mitunter irreführend, wenn es darum geht, Drogensündern im Straßenverkehr auf die Schliche zu kommen. In Belgien fischt die Polizei benebelte Autofahrer seit einigen Jahren mithilfe MODERNER SPEICHELTESTS aus dem Verkehr – und in Australien muss man sogar am Arbeitsplatz mit einem Schnell-Screening rechnen.

Ross Rebagliati hat im doppelten Sinn Sportgeschichte geschrieben. Der kanadische Snowboarder surf-

te sich bei den Olympischen Winterspie-len 1998 im japanisc hen Nagano mit ei nem Sieg im Riesenslalom zum er sten olympischen Goldmedaillengewinner in dieser Disziplin. Gleichzeitig wurde er als erster Olympionike des Cannabis- Konsums überführt. Er hatte Glück, da Kiffen vor dem Wettkampf damals noch nicht geahndet wurde. Rebagliati steht nach wie vor in der ewigen Siegerliste.

Heute steht das Hanfge wächs Can-nabis, egal ob es als gepr esstes Harz (Haschisch) oder ge trocknetes Gras ( Marihuana) geraucht wird, auf der Schwarzen Liste verbotener Dopingmittel. Nicht, weil es die Leistungsg renzen des menschlichen Körpers ins Grenzen lose verschiebt, sondern weil sein W irkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) die Risiko-bereitschaft der Athleten erhöht. Gerade auf steilen Pisten kann das sehr gef ähr-lich werden. „Wer kifft, surft riskanter!“, warnte die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und ander e Drogen probleme bereits im Jahr 2002 vor den berauschen-den Pfeifchen. Gleichwohl, frotzeln Fans, darf eine der attraktivsten Snowboard-Dis-ziplinen nach wie vor „Halfpipe“ heißen.

Grenzwerte auch für Drogen

Cannabis ist die meist konsumierte „ille-gale“ Droge der Welt. Nach Schätzungen des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) haben im Jahr 2010 bis zu fünf Prozent aller Menschen zwischen 15 und 64 Jahren, das entspricht jedem 25. Erdenbürger, mindestens einmal an

einem Joint gezogen. Har te Drogen wie Heroin, Kokain oder Ecstasy wurden sehr viel seltener genommen (Tabelle 1).

Auch im Straßenverkehr ist, abgese-hen von Alkohol, keine andere Droge so häufig anzutreffen wie Cannabis, wie die 2011 vorgestellte Studie DRUID (Driving Under Influence of Drugs, Alcohol and Medicines) der deutschen Bundesanstalt für Straßenwesen zeigte. Europaweit wur-den dafür fast 50.000 Autofahrer auf frei-er Strecke gestoppt und auf den Einf luss von Alkohol, illegalen Drogen oder Medi-kamenten getestet. Die Autoren der Stu-die empfahlen anschließend, Grenzwerte für die drogenbedingte Fahruntüchtigkeit einzuführen. So wie beim Alkohol.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn beim Alkohol gibt es nic ht nur eta blierte Grenzwerte, sondern auch mo bile und einf ach anzuwendende Atem alkoholkontrollen, die ger icht-lich verwertbare Analysen direkt vor Ort ermöglichen (siehe auch S. 14–19). Bei Drogenkontrollen hingegen werden zum Beispiel von deutschen Polizisten – im Fall von verdächtigen Autofahrern – aufwendige Blutproben angeordnet. Im Vergleich dazu sind Urinproben nur „bedingt aussagekräftig“.

In den USA wird indes der Ruf nach neuen Testverfahren lauter. „Unsere Poli-zisten brauchen eine Technologie, die es ähnlich wie atembasierte Kontroll geräte beim Alkohol erlauben, die Fahruntüchtig-keit bei Drogenkonsum direkt vor Ort fest-zustellen“, mahnte US- Senator Charles Schumer im Januar 20 12. „Also bevor diese Fahrer und Fahrerinnen einen irre-parablen Schaden verursachen können.“

Frisch aus dem Blister: der poröse Probensamm-ler, bereit für den Drogentest

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SPEICHELPROBE DROGENTEST

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Obwohl Drogen und Medik amente im menschlichen Körper viele eindeutige Spuren hinterlassen, eignen sich die meis-ten Körpersubstanzen nicht für einen mobilen Schnelltest. In Haaren und Nägeln beispielsweise sind die Substanzen über Monate nachzuweisen. Eine Aussage über den genauen Zeitpunkt, wann eine Sub-stanz geschluckt, inhaliert oder gespritzt wurde, liefern sie allerdings ebenso wenig wie Schweißpflaster, die über Tage hinweg auf der Haut einwirken müssen.

Ganz anders dagegen das menschli-che Blut: Es liefert schnelle Ergebnisse,

Tabelle 1: Weltweiter Konsum illegaler Drogen

Quelle: UNODC 2012; 1.) = Leitfrage: Welcher Anteil der Menschen zwischen 15 und 64 Jahren hat diese Droge in den letzten zwölf Monaten konsumiert?; 2.) = minimale und maximale Schätzungen

Droge Konsum [in Prozent: 1.), 2.)]

Cannabis 2,5 – 5,0

Opioide (z. B. Heroin)

0,6 – 0,8

Opiate 0,3 – 0,5

Kokain 0,3 – 0,4

Amphetamin-ähnliche Stimulanzien

0,3 – 1,2

Ecstasy 0,2 – 0,4

Andere Drogen 3,4 – 6,6

da es den Suchtstoff sofort nach der Ver-abreichung aufnimmt und im gesamten Körper verteilt. Weil es in seiner c hemi-schen Zusammensetzung bei allen Men-schen sehr einheitlich ist und während der Entnahme nicht manipuliert wer-den kann, sind die Analysen zudem sehr zuverlässig. Schließlich lässt sich aus der Konzentration eines Wirkstoffs im Blut unmittelbar die berauschende Wirkung der Droge im zentralen N ervensystem ableiten. Dennoch gibt es ein K.o.-Kr ite-rium für spontane Verkehrskontrollen: Die Blutentnahme ist invasiv und kann nur durch medizinisches Fachpersonal vorgenommen werden.

Effizienter Speicheltest

Auch die Urinprobe, die häufig als Vor-test für eine Blutpr obe dient, hilf t bei der Suche nach einem zuverlässigen und schnellen Drogen-Screening nur bedingt weiter. Um die Intimsphäre der geteste-ten Person zu wahren, muss sie verdeckt erfolgen, und kann so leicht manipuliert werden. Ein weiteres Problem stellen die vielen falsch-positiven Ergebnisse dar, die unnötige Bluttests nach sich ziehen. Der Grund: Das Abbauprodukt des Can-nabis-Wirkstoffs THC schlägt bei einem Urintest viel länger an als der W irkstoff selbst. Damit steigt das Risik o, dass der anschließende Bluttest r echtlich ins Leere läuft, denn die Gerichte erkennen lediglich den direkten THC-Nachweis als Beweis für eine Fahruntüchtigkeit an. Der Nachweis des Abbauprodukts hinge-gen ist rechtlich irrelevant.

In Belgien stieg die dur ch Urintests verursachte Falsch-Positiv-Rate zuletzt

Cannabis ist die meist konsumierte „illegale“ Droge der Welt. Je nach Schätzung haben weltweit bis zu fünf Prozent aller Erwachsenen mindes-tens einen Joint geraucht. Harte Drogen wie Heroin, Kokain oder Ecstasy wurden deutlich seltener konsumiert >

Hygienisch ins Labor: mit

dem DCD 5000 – unten

der Proben -sammler, oben

der Haltegriff

Es reicht: Ein Farbumschlag

markiert die zur Analyse

aus reichende Speichelmenge

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Hygienische Handhabung des DrugTest 5000:

Probennahme mit vor be-reiteter Testkassette

Farbanzeige markiert das Ende der Probennahme

Einschieben in das Analysegerät

Analyse und Ergebnis in wenigen Minuten

1. 2. 3. 4. 5.

> auf 15 Prozent. Jede siebte Blutpr obe hätten sich die Verkehrshüter streng genommen also spar en können. Ein Ärgernis – für Autofahrer wie Polizisten. Viele Jahre lang gab es k eine Alternati-ve zu dieser Praxis. Mit der gesetzlichen Verankerung der Speicheltests im Jahr 2010 aber geht das Land nun neue Wege. Seitdem folgen die Verkehrskontrollen in Belgien bei Verdacht auf Drogenkonsum einem straffen Plan: Verhält sich ein Autofahrer auffällig, wird ein Speichel-test vor Ort durchgeführt. Überschreitet die Konzentration je nach Substanz eine bestimmte Schwelle (siehe Tabelle 2), wird eine zweite Speic hel probe ent-nommen und zur Bestätigungsanalyse in ein Labor geschickt. Verweigert sich der Autofahrer generell oder kann er sie nicht durchführen, wird eine Blutprobe im nächsten Krankenhaus entnommen. Studien zeigen, dass die Zahl der Fahrer, denen eine Fahruntüchtigkeit nachge-wiesen werden konnte, seit Einführung der Speicheltests gestiegen ist. Auc h in Frankreich wurde der Speicheltest inzwischen gesetzlich verankert. Eben-so in Spanien, wo es jedoch bislang keine verbindlichen Grenzwerte gibt.

Auf den Punkt

Speichel bietet ähnlich gute Eigenschaf-ten für einen Dr ogentest wie Blut. Er besteht zu rund 99 Prozent aus Wasser, das aus den Blutgefäßen in die Speichel-drüsen gelangt und dadurch viele ge löste Stoffe in den Mund- und Rac henraum spült – dar unter auch Wirkstoffe von Drogen. Ähnlich wie beim Blut lassen sich zudem eindeutige Aussagen über den

0,28 Milliliter Speichel reichen aus, um verschiedene Drogen mit dem Dräger DrugTest 5000 (s.u.) in kurzer Zeit nachzuweisen – wie hier in Australien

Das Gerät ist für eine einfache wie hygienische Bedienung konzipiert, und arbeitet autonom – auch unter harten Einsatzbedingungen

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SPEICHELPROBE DROGENTEST

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THC lässt sich genauso lange im Speichel nachweisen, wie die Wirkung anhält

Zeitpunkt des Drogenkonsums sowie die berauschende Wirkung treffen. Schließ-lich kann die Probe einfach, schnell und zuverlässig entnommen werden. Selbst für den Wirkstoff THC, der nur in sehr geringem Maß aus dem Blut in den Spei-chel gelangt, ist das Verfahren geeignet, da sich die Wirkstoffspuren, die sich beim Rauchen in der Schleimhaut ansammeln, genauso lange nachweisen lassen, wie die Wirkung der Droge im Körper anhält.

Fast wie am Fließband

Hinzu kommt, dass Speicheltest-Geräte nach dem Stand der Technik sehr belast-bare Ergebnisse liefern, wie etwa der 2008 eingeführte Dräger DrugTest 5000. Das Gerät spürt schon kleine Wirkstoffmengen (THC: fünf Nanogramm pro Milliliter) auf und bestimmt den Zeitpunkt des Drogen-konsums in einem Zeitfenster von bis zu acht Stunden, wofür es ein Probenvolu-men von lediglich 0,28 Milliliter Speichel benötigt. „Auf diese Weise lässt sich sehr genau ermitteln, ob ein Mensch kürzlich eine oder mehrere Drogen zu sich genom-men hat und davon noch beeinflusst ist“, sagt Dr. Stefan Steinmeyer, verantwortlich für das Thema „Drogentest“ bei Dräger.

Neben der Technik muss allerdings auch die gesetzliche Grundlage stimmen. Massenhaft finden Speicheltests daher bislang lediglich in Australien statt. Dort werden Drogenkontrollen seit 2004 per Gesetz so forciert wie in keinem ande-ren Land. Allerdings ist auch nirgend-wo sonst der Cannabis-Konsum so hoch wie hier. Laut UNODC hat in Australien und Neuseeland mindestens jeder neun-te Erwachsene im Jahre 2012 Cannabis

Laut UNODC hat in Australien und Neusee-land mindestens jeder neunte Erwachsene im Jahre 2012 Cannabis konsumiert

Quelle: UNODC 2012; Leitfrage: Wie viele Menschen zwischen 15 und 64 Jahren haben diese Droge in den letzten zwölf Monaten konsumiert?

konsumiert (siehe Tabelle 3). Die Kont-rollen beginnen in Australien im Straßen-verkehr. Anders als in Belgien wir d hier nicht auf Verdacht geprüft, sondern sys-tematisch zur Abschreckung. Zwischen 2004 und 2009 wur den allein im Bun-desstaat Victoria mehr als 100.000 Auto-fahrer auf Drogen getestet. Die Speichel-Schnelltests am Straßenrand laufen hier fast wie am Fließband (siehe auc h Drä-gerheft 389; S. 16 ff.).

Auch am Arbeitsplatz nehmen die Stichproben zu, wie Michael Wheeldon, Managing Director des Drogentest-Dienst-leisters Integrity Sampling Pty Ltd., erklärt. Das Unternehmen wurde 2001 mit der Geschäftsidee gegründet, Mitarbeiter im Auftrag ihrer Arbeitgeber zu überprüfen. Ähnlich wie im Straßenverkehr liegt der Anteil der positiv getesteten Personen bei rund zwei Prozent. „In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Tests stetig gestie-gen“, sagt Wheeldon. „In 20 12 haben wir mit Dräger -Geräten rund 35.000 Alkohol- und Drogentests durchgeführt.“ Am Anfang waren es vor allem Minenbe-treiber, die die Aufträge vergaben. Heute kommen die Anfragen aus allen sic her-heitsrelevanten Industrien.

Eine sinkende Nachfrage befürch-tet der Manager nic ht. „Australische Arbeitgeber sind gesetzlich verpflich-tet, für die Sicherheit ihrer Angestell-ten am Arbeitsplatz zu sorgen.“ Dazu zählt eben auch, dass alle im Team tat-sächlich nüchtern sind. Frank Grünberg

Substanz Vortest Bestätigung

Speichel Speichel Blut(Plasma)

THC (Cannabis)

25 10 1

Amphetami-ne, Ecstasy

50 25 25

Opiate 10 5 10

Kokain, Ben-zoylecgonin

20 10 25

Tabelle 2: Drogenkontrollen in Belgien: Nachweisgrenzen (sog. „Cutoffs“); in ng / ml der Substanzen

Quelle: DRUID: Oral fluid and blood confirmation compared in Belgium. Van der Linden T, Legrand SA, Silverans P, Verstraete AG. J Anal Toxicol. 2012 Jul; 36(6): 418-21

Region Konsum (%)

Ozeanien 9,1–14,6

Nordamerika 10,8

West-/Zentral-Afrika 5,2–13,5

West-/Zentral-Europa 7,0

Asien 2,2

Tabelle 3: Cannabis-Konsum nach Regionen

Verkehrskontrollen in Belgien folgen bei Verdacht auf Drogenkonsum einem straffen Plan. Zeigen Autofahrer ein auffälliges Verhalten, wird ihnen eine Speichelprobe entnommen. Überschreitet die Konzen-tration eine bestimmte Schwelle, folgt ein zweiter, strengerer Speicheltest. Verwei-gert sich der Autofahrer, wird eine Blutprobe im nächsten Krankenhaus angeordnet

EU-Programm „DRUID“: Drogen-Schnelltest-Geräte für mehr Sicherheit im Straßenverkehr www.draeger.com/392/ddt5000

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RISIKOFAKTOR MENSCH

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Risiken und NebenwirkungenEine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied, und jede SICHERHEITSVORKEHRUNG nur so gut, wie es der Mensch zulässt.Betäubt der seine Sinne, gefährdet er nicht nur die eigene Sicherheit.

T raut man sich nach dem Genuss einer Flasche Wein noch zu, in luf-tiger Höhe die Landebahn von der

Landstraße einwandfrei zu unterschei-den? Oder würde man sich noch hinter das Steuer seines Autos setzen? Jeder ver-nünftige Mensch würde heute „Nein!“ antworten. Aber noch 1968 reagierte die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ mit Entsetzen auf den Gesetzentwurf des Bun-desrats, in Deutschland die Promillegren-ze im Straßenverkehr von 1,3 auf 0,8 Pro-mille zu senken (siehe auch S. 42–45). „Ein Muster der Sinnlosigkeit“, schrieb das Blatt und beschwerte sich darüber, dass dem Bürger damit seine Urteilskraft über die Fahrtüchtigkeit aberkannt und jeder bestraft werde, der zwar eine Men-ge Alkohol im Blut habe, dennoch korrekt fahre. Die subjektive Einsc hätzung der Gefahr zählte damals viel.

Haschisch in der Fahrerkanzel

Heute weiß man: Jede persönliche Bewer-tung, ob e twa nach einer bestimmten Dosis Alkohol die Fahrtüchtigkeit noch vorliege, gleicht einem Würfelspiel. Mal gewinnt man, mal ver liert man. Man-cher Pilot mag seine Maschine wie Den-zel Washington in „Flight“ jahrelang auch nach mehreren Gläsern Wodka und Lines Kokain noch sicher landen können. Ande-re verfehlen schon mit einem Kater vom Vortag die Landebahn. Autopiloten können einen aufmerksamen Piloten nicht erset-zen, Autos vollgestopft mit Airbags keinen Frontalzusammenstoß verhindern.

Kurz vor dem Ziel stür zte 2008 eine russische Passagiermaschine auf die Glei-

se der transsibirischen Eisenbahn. Die Trunkenheit des Piloten kostete 88 Men-schen das Leben. Die verheerende Ölpest vor der Küste Alaskas ist dem Kapitän des Tankers Exxon Valdez, der 1989 auf ein Riff lief, indes k aum in die Sc huhe zu schieben: Er lag betrunken in der Kajüte, während seine Besatzung eine der g röß-ten Umweltkatastrophen der Schifffahrts-geschichte verursachte. Zwei Jahre zuvor krachte in Maryland, USA, ein Amtrak-Zug mit 174 km/h in eine Reihe Conrail-Loko-motiven. 16 Menschen starben, 170 wur-den verletzt. Die Crew des Conrail-Kon-vois hatte 18 Minuten zuvor einen Joint geraucht und ein Signal über sehen. Ein alkohol- und drogensüchtiger Ingenieur wurde später als Hauptverantwortlicher des Unfalls ausgemacht.

Jedes mögliche technische Sicher-heitsrisiko wird heute bedacht. Maschi-nen werden auf die optimale Interaktion mit dem Menschen abgestimmt, Situati-onen und Varianten durchgespielt und Szenarien entwickelt, um das Unkalku-lierbare so kalkulierbar wie möglich zu machen: den Menschen. Mittlerweile gilt im Straßenverkehr aus diesem Grund nicht nur in Deutschland eine Grenze von 0,5 Promille. In vielen slawischen und baltischen Ländern müssen Auto-fahrer sogar komplett nüchtern bleiben. Zu Recht, findet Michael Klein, Profes-sor am Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung an der K atholi-schen Hochschule Nordrhein-Westfalen: „Das Problem des Alkohols ist, dass man seine Wirkung noch nicht spürt, wäh-rend sich die Wahrnehmung schon ver-schoben hat.“ Das sei deutlic h vor dem >

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Page 29: Alkohol und Drogen - Drägerwerk AG

Ölpest: Der betrunkene Kapitän des Tankers

„Exxon Valdez“ verursachte eine der größten Umwelt-katastrophen aller Zeiten

Zahlen und Fakten u Bei mehr als jeder zehnten Person, die im Straßenverkehr getötet wurde, ist in Deutschland Alkohol im Spiel u Bei rund 14 bis 17 Prozent aller weltweiten Verkehrsunfälle mit Toten und Verletzten spielen Medikamente und Drogen eine Rolle u In Nordamerika übertrifft die Anzahl der Autofahrer unter Einfluss illegaler Drogen die Anzahl alkoholisierter Fahreru Die Kombination von Drogen und Medikamenten mit Alkohol steigert signifikant das Risiko, verletzt oder getötet zu werden

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Page 30: Alkohol und Drogen - Drägerwerk AG

30 DRÄGERHEFT 392 | SPEZIAL

offensichtlichen Rausch und mitunter schon ab 0,3 Promille der Fall.

Das Problem, das den Menschen im Straßenverkehr und in jeg lichen sicher-heitsrelevanten Bereichen zum Risiko mache, sei zudem der Ent hemmungs-effekt. Dinge, die normalerweise gehemmt seien, würden durch psychotrope Substan-zen freigesetzt. So entfalle etwa die Scheu vor riskanten Überholmanövern, da die Angst blockiert sei. „Menschliches Verhal-ten ist eine Balance aus Anbahnung und Hemmung“, sagt Michael Klein. „Gut sozialisierte Menschen haben ein hohes Maß an Aggressions kontrolle erworben.

Diese wird beim Genuss von Alkohol und anderen Drogen gehemmt. Daraus ergibt sich die Freisetzung bestimmter Aggres-sionen.“

Wenn sich Emotionen nicht mehr deuten lassen

Eine Studie des National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) in Maryland zeigt, wie Alkohol das Gehirn manipulieren kann. Mithilfe der Mag-netresonanztomografie untersuchten die Forscher die Verarbeitung von Emo-tionen. Eine Gr uppe der S tudienteil-nehmer erhielt per Infusion Alk ohol,

eine andere eine Salzlösung. Anschlie-ßend wurden beiden Gruppen verschie-dene Gesichtsausdrücke gezeigt und ihr Gehirn immer wieder gescannt. Es zeigte sich in bestimmten Hirnarealen der nüchternen Probanden ein deutli-cher Unterschied in der R eaktion auf neutrale Mimik und angsteinf lößende Gesichtsausdrücke. Bei den alkoholisier-ten Teilnehmern ließ sich kein Unter-schied ausmachen. Alkoholisierte Men-schen verkennen die Gefahr, die von einer anderen Person ausgeht – und sie können keine Konfliktvermeidungsstra-tegie entwickeln.

Ähnliche Ergebnisse brac hte eine Studie der Universität Granada, Spani-en, ans Licht, wonach Menschen unter Drogeneinfluss Probleme haben, Emoti-onen im Gesicht des Gegenübers zu deu-ten. Je intensiver der Konsum in der Ver-gangenheit war, desto schwieriger wurde es, Zorn, Wut oder Angst zu er kennen. Eine weitere Studie der Spanier of fen-barte bei 70 Prozent der Drogenabhän-gigen neuropsychologische Beeinträch-tigungen von Gedächtnis, Verarbeitung von Gefühlen und der Fähigkeit, Entschei-dungen zu treffen – unabhängig davon, ob sie Alkohol, Cannabis, Amphetamine oder Kokain konsumiert hatten.

Die Konsequenzen daraus sind nicht nur für Hoc hrisikoberufe absehbar. Vor allem die dr ohende Fehleinschät-zung bestimmter Situationen mac ht den Drogen oder Alkohol konsumieren-den Menschen bei Fußballspielen, auf Demonstrationen und im täglichen Mit-einander zum Risiko. Hinzu kommt die vor allem auf grund von Alkohol einset-

Gegenspieler im NervensystemSie sind Teil des vegetativen Nervensystems mit ganz unterschiedlichen Funktionen: Sympathikus und Parasympathikus. Als Gegenspieler steuern sie wichtige Körperfunktionen. Alkohol und Drogen stören ihre Arbeit

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Herz:Frequenz �Kraft �Blutdruck �

Bronchien:Erweiterung

Zentrales Nervensystem:AntriebAufmerksamkeit

Leber:Glykogen-AbbauGlukose-Freisetzung

Augen:Pupillenerweiterung

Speichel:wenig, zähflüssig

Magen und Darm:Peristaltik �Sphinktertonus �Durchblutung � Blase:

Sphinktertonus �Tonus des Wandmuskels �

Skelettmuskel:Sphinktertonus �Tonus des Wandmuskels �Sympathikus

Angriff/Flucht

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MENSCH R ISIKOFAKTOR

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Literatur u Dr. Rolf Breitstadt, Prof. Dr. Gerold Kauert: „Der Mensch als Risiko und Sicherheitsreserve“, Shaker Verlag u Barbara Brokate, Armin Scheurich: „Neuropsychologie der Alkoholabhängigkeit“, Hogrefe-Verlag

Film- & Fernsehtipp u Film „Flight“ mit Denzel Washington u Sendung „Quarks & Co“ – „Wie wirkt Alkohol im Gehirn“: http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2004/0210/003_alkohol.jsp

Links u Deutsches Institut für Sucht- und Präventionsforschung: http://www.katho-nrw.de/katho-nrw/forschung-entwicklung/institute-der-katho-nrw/disup/

zende We sens veränderung und Gewalt-bereitschaft. „Die F rage, ob jemand gewalttätig wird oder nicht, ist eine Fra-ge der Wahrscheinlichkeit. Das Problem ist, dass sich viele Menschen grundsätz-lich das Recht zugestehen, unter Alko-holeinfluss aggressiv werden zu kön-nen“, sagt Suchtforscher Klein. Das sei nicht überall der Fall: So entschuldige man in Deutschland unter Alkoholkon-sum begangene Delikte schneller als in anderen Ländern. „Die Amerikaner nen-nen das auch ,German Discount‘: Wer stark betrunken ist, wird für nicht voll zurechnungsfähig gehalten – und gilt als vermindert schuldfähig.“

In vielen Bereichen wird dem Sicher-heitsrisiko, das von Menschen unter Ein-fluss von psychotropen Substanzen aus-geht, mittlerweile mit strikten Verboten sowie Alkohol- und Drogentests begeg-net. In der Luf tfahrt etwa gilt ein welt-weites Alkoholverbot für das Boden- und Flugpersonal, dem international auch durch unangekündigte Tests versucht wird, Rechnung zu tragen. Je nach Land und Dienstvereinbarung sind Piloten ver-pflichtet, eine bestimmte Stundenzahl vor Dienstantritt keinen Alkohol zu konsu-mieren. Getestet wird in der Realität aller-dings selten. Selbst die jähr lichen ärztli-chen Untersuchungen geben nur bedingt Aufschluss über eine Sucht.

Noch entscheidender scheint da das generelle Verständnis der Gefahr, wie Markus Wahl von der deutschen Piloten-vereinigung Cockpit bestätigt: „Wir alle haben den Anspruch, sicher zu operie-ren. Das ist oberste Maxime.“ Wichtiger als unregelmäßige Tests schätzt er die

zwischenmenschliche Ebene ein: „Man ist natürlich irritiert, wenn der Pilot auf dem Sitz nebenan lallt oder nach Alkohol riecht. Schon bei seltsamen Entscheidun-gen, ohne weiteren Verdacht, wird man stutzig.“ Es sei Teil der Ausbildung, so etwas zu erkennen, anzusprechen und nicht aus falsch verstandener Scham tot-zuschweigen. Auch junge Piloten müssten erfahrene Kollegen ansprechen und han-deln. „Mit allen Konsequenzen – bis hin zur Annullierung des Flugs!“

Viele Regularien, wenige Standards

Die Gesetzeslage ist inkonsistent – in Deutschland, aber auch international. Aus der potenziellen Gefahr, die von dem Betrieb ausgeht, einer Chemiefabrik zum Beispiel, der ausgeübten Tätigk eit, ein Baggerführer etwa, oder schlichtweg aus Arbeitsschutz- und Unfallverhütungsvor-schriften, resultiert ein diffuses Verbot, Drogen oder Alkohol während der Arbeits-zeit zu konsumieren. Das gilt auch für Fahrer von Gefahrguttransportern und Menschen, die Personen befördern, eben-so Polizisten, Feuerwehrleute oder Ret-tungssanitäter. Für die meisten Hoc hsi-

Herz:Frequenz �Blutdruck �

Bronchien:EngstellungSekretion �

Augen:NaheinstellungPupillenverengung

Speichel:viel, dünnflüssig

Magen und Darm:Sekretion �Peristaltik �Sphinktertonus �

Blase:Sphinktertonus �Tonus des Wandmuskels �

cherheitsberufe gibt es länderspezifische Regelungen, aber wenige internationale Standards. Auf Drängen von Deutschland hat die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) 20 10 immerhin eine Grenze von 0,5 Promille beschlos-sen, für alle Personen, die auf Schiffen Verantwortung tragen. Weniger eindeu-tig sind viele andere Bereiche, in denen einzig individuelle Betriebsvereinbarun-gen Regelungen vorgeben. Die machen zwar Drogenscreenings und Alkoholtests zum Vertragsgegenstand, lassen den Men-schen damit aber keineswegs kalkulierba-rer werden. Isabell Spilker

ParasympathikusRuhe/Entspannung

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Auch im Beruf kann Alkohol abhängigkeit wie

ein Gefängnis sein – als Wirklichkeitsverlust,

der einsam macht

Blau im Job

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SUCHT ARBEITSWELT

33DRÄGERHEFT 392 | SPEZIAL * Name geändert

Ob Hochprozentiges vor dem Dienst, ein Glas Prosecco am Mittag, der Joint zum „Tatort“ oder die tägliche Nase Koks auf der Firmentoilette: Arbeit, Alkohol und Drogen sind nur schwer miteinander vereinbar – erst recht, wenn SICHERHEIT UND QUALITÄT DER ARBEIT leiden. Eine schwierige Situation: für Vorgesetzte, Kollegen und Betroffene.

Montags machten die Färber blau. Auf den Leinen hingen die mit Indigo gefärbten Stoffe und war-

teten darauf, dass die Sonne den Farbstoff in ein leuchtendes Blau verwandelte. Ein paar Meter weiter lagen die Lohn wer-ker im Gras und arbeite ten am Ruf des Sprichworts. Da für den chemischen Pro-zess, der aus Indigo Blau werden ließ, viel Urin benötigt wurde, kippten sie Unmen-gen Alkohol in sich hinein. Als es r und 400 Jahre später mittags auf der Straße kracht, hat Ludwig Eickemeyer * 1,8 Pro-mille im Blut. Er kommt von der Nacht-schicht. Nein, er färbt keine Stoffe, und er hat an diesem Morgen auc h nichts getrunken, sondern Restalkohol in einer Höhe, die andere umhaut. Für den Elek-triker im Bergbau eine Ar t Normalzu-stand, nicht nur montags. 18 Jahre lang.

Tausche Führerschein gegen ein neues Leben

Dass es in dieser Zeit keinen durch ihn verursachten Unfall gab, grenzt an ein Wunder. Bis zu 30 Prozent aller Arbeits-un fälle ereignen sich unter Einf luss von Alkohol und anderen Drogen. Min-destens fünf Prozent aller Beschäftig-ten in Deutschland sind nach Schät-zungen der Deutschen Hauptstelle für

Sucht fragen e.V. (DHS) alkoholkrank. Die Interna tional Labour Organisation (ILO) vermutet, dass weltweit bis zu 25 Prozent aller Arbeitnehmer so viel Alkohol trinken, dass sie als gef ährdet einzustufen sind.

Beachtlich sind auch die wirtschaft-lichen Folgen für die U nternehmen: Die deutschen Arbeitgeberverbände errechnen den volkswirtschaftlichen Schaden durch den Konsum von Alko-hol am Arbeitsplatz auf 15 Milliarden Euro – pessimistisc he Schätzungen gehen von bis zu 30 Milliar den aus. 92.000 Deutsche werden jährlich durch Alkoholabhängigkeit oder -psychosen als arbeitsunfähig eingestuft. Mit zuneh-mendem Konsum fehlen Mitarbeiter bis zu 16-mal häufiger und büßen 25 Pr o-zent ihrer Arbeitsleistung ein. Vergleich-bare statistisch belegte Zahlen für die Auswirkungen des Konsums von Canna-bis, Kokain, Heroin und anderen berau-schenden Substanzen am Arbeitsplatz liegen nicht vor. Es wird geschätzt, dass 5 bis 7 Prozent der Arbeitnehmer mehr oder weniger regelmäßig Drogen zu sich nehmen.

Ludwig Eickemeyer ist nie aufgefal-len. Im Freundeskreis war er der nette Kumpel, der gerne mal einen trinkt. Sei-

nen Job machte er so, dass seine Suc ht niemanden beschäftigte. Weder Kolle-gen noch Vorgesetzte. „Mit einem gewis-sen Pegel konnte ich alle Arbeiten so aus-führen, dass alle zufrieden waren“, sagt Eickemeyer. „Aber unter 1,2 Promille kann ich in dieser Zeit nie gelegen haben. Die brauchte ich, um zu funktionieren.“ Bis zu diesem kleinen, harmlosen Unfall nach Dienstschluss, bei dem ihm die Polizei den Führerschein abnahm – und dafür ein neues Leben schenkte.

Co-Alkoholismus fördert die Krankheit

„Manchmal bin ich schockiert und trau-rig, wenn ich sehe, was ich in meinem Leben alles hätte anders machen kön-nen, wäre meine Alkoholsucht früher entdeckt worden“, sagt Ludwig Eicke-meyer, heute Vorsitzender einer Selbst-hilfegruppe im Ruhrgebiet. Die Abhän-gigkeit von Alkohol oder an deren Drogen erkennen und den Betroffenen helfen ist deswegen eines der g roßen Themen weltweiter Aktionen und Pr ojek te, die sich mit Suchtproblemen in Betrieben beschäftigen. Die als Co-Alkoholismus bezeichnete Duldung durch Kollegen oder Vorgesetzte, die suchtbedingte Fehl-zeiten tolerieren oder gar decken, belas- > F

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Klare Empfehlungen sollen Abhängigen den Weg aus der Sucht erleichtern

* Name geändert

tet die Abläufe im Betrieb und fördert die Krankheit. Vorgesetzte sind gesetz-lich verpflichtet, für Sic herheit und Gesundheit innerhalb des Arbeitsab-laufs zu sorgen, den Mitarbeiter von sei-ner Tätigkeit zu entbinden und aufzu-fordern, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Für Kollegen und noch mehr für Vor-gesetzte gilt im Vorfeld, bei zunehmen-der Unzuverlässigkeit, häufigen Fehl-zeiten und Stimmungsschwankungen aufmerksam zu werden. „Suchtkranke sind Meister im V ertuschen“, erzählt

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Präventions- und Hilfsmaßnahmen u Trinksitten ändern: Wie selbstverständlich ist der Konsum von Alkohol inner-halb des Unternehmens? Ist die Sommer- oder Weihnachtsfeier stets feuchtfröhlich, oder reicht schon ein anstehender Urlaub oder ein Etappenziel, um die Korken knallen zu lassen? Ein generelles Alkoholverbot bietet sich an, ist aber nicht immer die Lösung, weil es die Probleme oft nur verschiebt. u Getränkeangebot prüfen: In der Kantine steht der Sekt stets gut gekühlt? Auch der Kasten Bier auf dem Büro-Flur oder im Vorarbeiterraum der Baustelle sollte durch Wasser ersetzt werden. u Aufklärung der Belegschaft: Wann und wie Sucht entsteht, welche Gefahren auch von einmaligen Ausrutschern ausgehen und wie sich ein durchgefeiertes Wochenende auf die Leistungsfähigkeit und Risikobereitschaft auswirkt, sollte den Mitarbeitern in Schulungen nahegebracht werden. u Gesundheitsbewusstsein fördern: Suchtprävention ist Bestandteil der Gesund-heitsvorsorge, zu der Vorgesetzte und Betriebsleiter ihre Mitarbeiter ermuntern sollten. u Betriebliche Beratungsstellen einrichten: Nicht jedem Unternehmen ist es möglich, eine hauptamtliche Suchtkrankenhilfe einzurichten. Ehrenamtliche Helfer, durch Seminare oder Selbsthilfegruppen geschult, können ebenso hilfreich sein. u Therapiemöglichkeiten vermitteln: Mit Kontakten zu Suchtberatern, Selbst-hilfegruppen und gezielten Therapien öffnen sich dem Suchtkranken neue Türen, die er selbst vielleicht nicht einmal gesehen hat. Gezwungen werden kann niemand zur Therapie. Doch: Ist der Leidensdruck groß genug, erfolgt oft die Einsicht.

Sabine Morati*. Über 20 Jahre ging sie jeden Tag zur Arbeit. Nüchtern, aber mit Entzugserscheinungen, die sie mit Über-eifer kompensierte: „Bloß nicht negativ auffallen.“ Die Kollegen in der Bank schätzten sie, aber sie galt als Biest. Ein Deckmantel. Fritz Lehmann* gelang es, als Heroinabhängiger seine Lehre zum Dachdecker zu beenden. A bends stahl er Material aus der Firma, am Wochen-ende schmuggelte er Drogen über die Grenze. Er war bei der Bundeswehr, spä-ter auf Montage, regelmäßig unter Dro-

gen, stets ohne Konsequenzen. Vielleicht blieb er nicht unbemerkt, aber niemals bot ihm jemand Hilfe an oder verpflich-tete ihn zu einer Therapie.

Leidensdruck erhöhen, soziale Pflicht nicht vergessen

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversiche-rung (DGUV) empfiehlt einen klaren Maßnahmenkatalog, der Betroffene in den ersten Schritten zur Einsicht und Unterlassung, im fortgeschrittenen Suchtstadium zur Therapie bewegen soll. Steht am Anfang die Aufklärung im Vor-dergrund (in der Hoffnung, der eine oder andere Ausrutscher werde vom Mitarbei-ter eingesehen, die Suchtgefahr und das damit verbundene Risiko erkannt), sollte nach mehrmaligen Fehltritten der Druck in Gesprächen deutlich erhöht werden. Am Ende empfiehlt es sich laut DGUV, Suchtexperten, Betriebsrat, Unterneh-mensleitung sowie Personen aus dem pri-vaten Umfeld hinzuzuziehen, um dem Betroffenen die Augen zu öf fnen – und ihn zum Handeln zu be wegen. Ändert sich sein Verhalten nicht, sind Abmah-nung und Kündigung die letzten Schritte. Allerdings: mit einer Wiedereinstellungs-klausel, die Mitarbeitern die Rückkehr in den alten Job bei A bstinenz ermög-licht. Der Verlust des Arbeitsplatzes sei für den Suchtkranken in der Regel die schlimmste Strafe, meist noch schwer-wiegender als der Bruch mit Familie oder mit Freunden. Es sei laut DGUV eine sozi-ale Pflicht, die Option der Rückkehr als Motivation zu berücksichtigen.

Die Gefährdung des Beschäftigungs-verhältniss ist of t der Gr und, warum

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SUCHT ARBEITSWELT

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sowohl Betroffene als auch Mitarbei-ter, denen das Verhalten auffällt, nicht frühzeitig aktiv werden. Selbst Kollegen mit Rückgrat fehlt oft das Wissen, wie mit einer solchen Situation umzuge-hen ist. Ist der K ollege wirklich abhän-gig, oder feiert er nur gerne? Wie spricht man jemanden an, von dem man glaubt, er könne seine Arbeit heute in diesem Zustand nicht erledigen – und morgen wahrscheinlich auch nicht? Die Sor -ge, welche Konsequenzen der K olle-ge zu erwarten hat, ist g roß. Wartet die sozia le Schmähung, die weitreichende Diskre ditierung – oder er folgt sogar die sofortige Kündigung? Nur wenige Arbeit-nehmer wissen: Unmittelbar gefährdet ist weniger das Beschäftigungsverhält-nis an sich als vielmehr der V ersiche-rungsschutz der Berufsgenossenschaft bei einem Arbeitsunfall, wenn der Ver-sicherte, also der Arbeitnehmer, Alkohol oder Restalkohol im Blut hat oder unter Einfluss von Drogen steht. Kündigung ist die Ultima Ratio. Sucht wird als Krank-heit betrachtet und ist kein Kündigungs-grund an sich.

Universelle Herangehensweisen, kulturelle Unterschiede

Weltweit arbeiten unzählige Verbände, Vereinigungen, Kliniken und Universi-täten an Strategien, Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Umgang mit Suchtgefah-ren, im Bereich Prävention und im Hand-ling von Alkohol- und Drogenmissbrauch, zu schulen. Die Herangehensweisen sind grundsätzlich universell, zeigen aber kulturelle und legislative Unterschiede. „Worauf es ankommt, ist das Handlungs-

Alkoholisierte Mitarbeiter verursachen allein innerhalb der EU wirtschaftliche Schäden von rund 60 Milliarden Euro – jährlich

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„Nur sehr wenige Unternehmen haben die Arbeitsbedingungen, den Stress und das kulturelle Umfeld im Blick“

dreieck: drei Punkte, die das ganze The-ma umreißen und beeinflussen“, erklärt Steve Allsop, promovierter Experte des australischen National Drug Research Institute. „Man hat das Individuum, die Droge und die Umstände.“ Für eine ver-nünftige Prävention müsse einerseits die Verfügbarkeit der Substanzen überprüft werden – ob beispielsweise innerhalb des Unternehmens Alkohol gekauft oder gar über Spesen abgerechnet werden kann. „Wir müssen auf die Menschen zugehen oder ihnen Zugang zu einer Therapie ver-schaffen“, ergänzt Allsop und bemer kt: „Auf diese beiden Punkte f okussieren sich in der Regel weltweit die meisten Unternehmen. Nur sehr wenige haben die Arbeitsbedingungen, den Stress und das kulturelle Umfeld im Blick.“ Dass es bei Bauarbeitern auf Montage oder im Bergbau, der oftmals abgelegen von jeg-licher Zivilisation stattfinde, kaum Mög-lichkeiten für eine sinnvolle Feierabend-beschäftigung gebe, müsse unbedingt berücksichtigt werden.

Strikte Alkoholverbote sind selten

Aufklärung innerhalb der Unterneh-men über den gesundheitlichen Aspekt des Alkohol- und Drogenkonsums sowie die weitreichenden rechtlichen, sicher-heitstechnischen und sozialen Folgen stehen im Vordergrund der präventi-ven Maßnahmen – auch in Neuseeland, Australien oder den USA . Hier dürfen engmaschige Alkohol- und Drogenkon-trol len der Mitarbeiter in bestimmten Berufsgruppen erfolgen. In Deutsch-land hingegen ist das r echtlich aus-

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„Deutschland steht im Vergleich gut da“

Sind die Strategien der Unternehmen in der betrieb lichen Suchtprävention sinnvoll und effektiv? Das untersuchte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) als nationa ler Partner des europäischen Projekts European Workplace and Alcohol (EWA) bis Mitte 2013. CHRISTINA RUMMEL von der DHS über erste Zwischenergebnisse.

Das Projekt EWA untersuchte die betriebliche Suchtprävention in Europa. Wie steht Deutschland da?Deutschland steht im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gut da. Es gibt viele etablierte Maßnahmen, Suchtgefahren im Betrieb zu erkennen und zu verhindern. Und es hat eines der besten Suchthilfesysteme: ein ausgebautes Beratungsnetz, ein flexibles Rehabilitationsnetz, und es wird Sucht-forschung betrieben. Betriebliche Sucht prävention ist in Deutschland seit 30 Jahren ein Thema, andere Länder entdecken das gerade erst. Aber das ist auch bei uns noch nicht das Ende vom Lied. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?Vor allem in kleineren und mittleren Betrieben. Suchtprävention findet heute vor allem in großen Unternehmen statt, wo es Betriebsräte, Arbeitsmedi-ziner und etablierte Strukturen gibt. Eigentümer kleiner Betriebe oder die Managementebene mittelständischer Unternehmen plagen meist ganz andere Sorgen. Es sind kaum Kapazitäten für Suchthilfeprogramme vorhanden.Wie kann den Firmen mit dem Projekt EWA geholfen werden?Im Moment versuchen wir, voneinander zu lernen und unsere nationalen Maßnahmen zu evaluieren. Nachdem wir in Deutschland Befragungen durchgeführt haben, laufen nun verschiedene Dinge: von Flyern bis hin zu Schulungen. Anschließend wird erneut befragt. So sehen wir, was sich in der Wahrnehmung geändert hat. Am Ende werden die Ergebnisse aller europäischen Partner zusammengetragen und ein „Werkzeugkoffer“ erstellt, mit dem auch kleine Firmen arbeiten können. Werden dabei auch nationale Unterschiede berücksichtigt? Ja, der Koffer ist an die speziellen Bedingungen der Länder angepasst, da es im Umgang mit Alkohol und Drogen natürlich kulturelle Unter schiede gibt. Aber wir achten auch darauf, was wir von anderen lernen können. Großbritannien zum Beispiel ist sehr fortschrittlich, was die Nutzung der neuen Medien betrifft. Selbsttests per App oder Beratungsstellensuche werden dort viel natürlicher angenommen. Das sind gute Anregungen.

Literatur-/Linktipps u „Suchtprobleme im Betrieb – Alkohol Medikamente, illegale Drogen“, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, www.dguv.de u „Substanzbezogene Störungen am Arbeits-platz: Eine Praxishilfe für Personalverantwortliche“, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., www.dhs.de u Projekt Prev@Work: http://www.berlin-sucht-praevention.de/Betriebliche_Suchtpraevention-c1-l1-k56.html u Alkoholbedingte Kosten am Arbeitsplatz (Schweiz): http://www.polynomics.ch/dokumente/Polynomics_Alkohol-am-Arbeitsplatz_2010.pdf

geschlossen, nur im V orfeld der Ein-stellung kann zu einem Drogen- oder Alkoholtest aufgefordert werden.

Viele Unternehmen setzen heute auf Betriebsvereinbarungen, die Maßnah-men zur Suchtprävention regeln. Sie bieten Handlungsorientierungen aller mit Alkohol- und Dr ogenmissbrauch konfrontierten Personen und schaffen eine klare Rechtssituation. Fritz Leh-mann, Ludwig Eickemeyer und Sabine Morati können sich nicht mehr vorstel-len, wie sie es einst geschafft haben, zu arbeiten: zugedröhnt, auf ein er trägli-ches Maß gebracht oder kaltschweißig, weil dem Körper das Suchtmittel fehl-te. Nach dem Entzug waren sie andere Menschen, durften aber in ihren Jobs bleiben. Rückfällig sind sie alle nic ht geworden. „Zu groß war die Selbster -kenntnis, wer ich bin und was ich hier wirklich mache“, sagt Eickemeyer. Und zu groß der Sc hreck, unter welc hen Umständen man jahrelang gearbeitet habe. Groß genug, beim nächsten und übernächsten Betriebsfest aufs Bier zu verzichten – und dafür die Bewunderung der Kollegen zu ernten. Isabell Spilker

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Wie Therapien helfen könnenEin Leitspruch der SUCHTTHERAPIE lautet: „Es ist keine Schande, krank zu sein – es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun.“ Die Abhängigkeit zu erkennen und zu verstehen ist Aufgabe der Suchttherapie – auch 20 Jahre nach dem letzten Bier oder dem letzten Joint. Ein vielschichtiges Thema, dem sich Experten-Interview, Patienten-Protokoll und Therapie-Schritte ebenso vielfältig nähern.

Sucht ist wie ein Käfig. Sie hindert die Persön lichkeit, sich zu entfalten. Erprobte Konzepte helfen aus diesem Gefängnis

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HILFE SUCHT

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Literatur u Felix Tretter, Angelica Müller: „Psycho-logische Therapie der Sucht“, Hogrefe u Heinz-Peter Röhr: „Sucht – Hintergründe und Heilung. Abhängigkeit verstehen und überwinden“, Patmos-Verlag

Herr Röhr, was sind das für Menschen, die zu Ihnen kommen?Das Bild des Suchtkranken wandelt sich. Zurzeit haben wir viele P atienten, die einen Mischkonsum betreiben. Der reine Alkoholiker wird seltener. Viele nehmen zudem Cannabis, Kokain, Amphetamine oder Designer-Drogen zu sich. Auch der klassische Heroinabhängige tritt immer seltener in Erscheinung, was die Sucht aber nicht ungefährlicher macht. Die soge-nannten „weichen Drogen“ wie etwa Can-nabis sind nicht als solche zu sehen. Die Menschen leiden sehr unter der P ersön-lichkeitsveränderung durch diese Drogen.Eine Droge wie Heroin wirkt doch viel zerstörerischer auf den Menschen als die Kombination aus Alkohol und Cannabis.Das scheint vielleicht so, in Wirklichkeit geht die Kurve steil nach unten. Was am Anfang harmlos wirkt, bringt die Men-schen an einen Tiefpunkt. Wird der Druck zu groß, kommen sie zu uns.Der Druck von außen?Freiwillig kommt fast niemand zu uns. Dann schon eher weil der Arbeitgeber nicht mehr mitspielt, die F amilie streikt oder der Körper aufgibt. Sobald schwere körperliche Beeinträchtigungen eingesetzt haben, spüren die Patienten: Wenn ich jetzt nichts tue, ist das vielleicht das Ende.Das klingt noch nicht nach der Einsicht, suchtkrank zu sein. Sind das Erfolg versprechende Gründe, eine Therapie anzutreten?Die Erkenntnis und die Motivation, abs-tinent zu leben, entwickelt man oft erst in der therapeutischen Gemeinschaft. Es spielt tatsächlich keine Rolle, ob ein

„Therapieziel ist, dass der Menschversteht, warum er krank ist“Nur wer seine Sucht versteht, hat eine Chance auf ein abstinen-tes Leben. Das ist die Erfahrung von Heinz-Peter Röhr. Der Suchttherapeut arbeitet seit über 30 Jahren in der Fachklinik Fredeburg – und hat schon Hunderten Menschen geholfen.

Patient noch nicht so wirklich will. Das ist das Therapieziel: dass der P atient krankheitseinsichtig und abstinenzmo-tiviert wird und beginnt, den Hinter -grund zu verstehen, warum er sucht-krank wurde. Sie betreiben Ursachenforschung?Wir versuchen, die Hinterg ründe zu erkennen und zu verstehen. Der Betroffene muss begreifen, dass er eigentlic h von etwas anderem abhängig ist, vielleic ht von einer ungeklärten Elternbeziehung oder anderen Menschen; dass er unter einem Mangel an Selbstliebe leidet. Wie lange braucht ein Patient für diese Erkenntnis?Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, wie er sic h in die Therapie begibt und wie schnell er beginnt, seine Probleme zu bearbeiten. Was wäre ein Grund, die Therapie abzubrechen?Ein Rückfall zum Beispiel, wobei selbst das nicht sofort die Entlassung bedeuten muss, sondern auch im Rahmen der The-rapie gedeutet, verstanden und bearbei-tet werden kann. Lassen unterschiedliche Rausch mit-telabhängigkeiten Rückschlüsse auf den Menschen zu und geben Hinweise für die Therapie?Ja, ganz sicher. Menschen mit einer nar -zisstischen Störung greifen zu Kokain, weil es genau das bewirkt, was sie interes-sant finden. Es treibt ihre Größenfantasie

in die Höhe. Borderline-Patienten bevor-zugen dämpfende Mittel: Alkohol, Heroin, Beruhigungsmittel. Doch die Sucht ist ein sehr individuelles Problem.Wie bereiten Sie Ihre Patienten darauf vor, nicht wieder rückfällig zu werden?Wir nehmen die verschiedenen Situati-onen des Konsums unter die Lupe. Die Patienten bekommen Handlungsmuster gezeigt, in diesen Momenten nun anders zu reagieren. Die meisten verlassen die Klinik mit einem neuen Selbstwer tge-fühl und einem gewissen Verständnis für ihre Krankheit. Statistisch gesehen passie-ren die meisten Rückfälle in den ersten drei Monaten. In aller Regel schließt sich daher eine Nachsorge an, etwa Gruppen-gespräche oder weitere therapeutische Maßnahmen.

Heinz-Peter Röhr ist Mitglied eines multi-professionellen Therapeuten-Teams, das Suchtkranke therapiert

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SUCHT HILFE

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Dreißig Jahre lang habe ich getrun-ken und in dieser Zeit dr eimal fast meine Wohnung abgebrannt.

Ich bin betrunken mit dem Auto frontal gegen eine Mauer gefahren, eine Treppe kopfüber hinuntergestürzt, im Badezim-mer von einer hohen Leiter gefallen und habe dabei das Waschbecken aus der Ver-ankerung gerissen. Wehe dem, der mich auf mein Alkoholproblem ansprach: Ich hatte kein Problem!

Im Job ist nie e twas aufgefallen. Ich war Personalsachbearbeiterin eines gro-ßen Unternehmens und habe nie vor der Arbeit getrunken. Den Tag über ging es mir oft schlecht, ich habe gezittert, hat-te Schweißausbrüche. Nun hatte ic h ohnehin Diabetes und konnte alles dar-auf schieben. Irgendwann sprach mich mein Arzt an. Er wollte mich zur Alkoho-lentgiftung ins Krankenhaus schicken, damit ich mal wieder klar werde. Wider-willig stimmte ich zu, nahm ein paar Tage Urlaub und ging für zehn Tage in die Psy-chiatrie. Danach ging es mir blendend,

und so k aufte ich mir g leich auf dem Weg nach Hause eine Flasche Schnaps. Im Krankenhaus hatte eine Sozialarbei-terin der Alkohol- und Drogenberatung mit mir Kontakt aufgenommen. Sie r iet mir zu einer ambulanten Therapie und zu Einzelgesprächen. Ich machte beides – und trank weiter.

Chef fiel aus allen Wolken

Die Sozialarbeiterin kümmerte sich um eine stationäre Therapie, die dauer te 16 Wochen. Ich musste meinen Arbeitge-ber informieren, der aus allen W olken fiel. Ich trat die Therapie an. Das Pr ob-lem war, dass ich diese Therapie nur für meinen Arbeitgeber, meine Therapeutin, Familie und Freunde angetreten hatte, aber nicht für mich! Nach zehn Wochen war ich wieder zu Hause. Ic h hatte an einem Heimwochenende getrunken. Das bedeutete: Therapieabbruch.

Nachdem ich zu Hause er st ein-mal meinen Frust heruntergespült hat-te, meldete ich mich zwei Tage später

bei meinem Arbeitgeber – der er kann-te den Therapieabbruch und ließ mich nicht arbeiten. Nun hatte ich viel Zeit. Ich trank fast täglich bis zur Besinnungslo-sigkeit. Diese Maßlosigkeit hat mir letzt-lich das Leben gerettet. Ich erreichte mei-nen absoluten Tiefpunkt, wollte meinem Leben ein Ende setzen. Den Baum hat-te ich mir bereits ausgesucht. Ich wollte nur noch einen Termin bei meiner The-rapeutin wahrnehmen. Sie hat sof ort gemerkt, was mit mir los w ar, und tat etwas, das sie noch nie zuvor mit einem Klienten gemacht hatte: Sie gestand, dass sie selbst trockene Alkoholikerin sei und genau wisse, wie schlecht es mir ging.

„Ich wollte etwas für mich tun“

Das war für mich der Wendepunkt. Es gab einen Menschen, der mich verstand, der mir klarmachte, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Eine Krankheit, die zwar nicht geheilt, aber zum S tillstand gebracht werden kann – aber nur von mir selbst. Endlich konnte ich zugeben, dass ich Alkoholikerin bin. Da ich nun fest entschlossen war, etwas für mich zu tun, konnte ich die verbliebenen sechs Wochen stationärer Therapie nachholen.

Anschließend machte ich noch eine ambulante Therapie und besuche seit-dem jede Woche eine Selbsthilfegrup-pe der Anonymen Alkoholiker, ohne die ich sicher nicht meine Stabilität behal-ten hätte. Ich kann nicht sagen, dass ich nächste Woche oder nächstes Jahr nicht trinken werde. Aber ich kann für heu-te sprechen: Und heute werde ich nicht trinken. Und das sage ich nun schon seit 14 Jahren.“ Protokoll: Isabell Spilker

„Meine Maßlosigkeit rettete mir das Leben“Maren S. trank ihr halbes Leben lang und wollte nichteinsehen, wie groß ihr Problem ist. Selbst in der Therapie nicht. Was ihr letztlich die Augen geöffnet hat, zeigt das Protokoll ihrer persönlichen Suchtbekämpfung.

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Schritt 1: Problem erkennen und Hilfe suchenDer Hausarzt oder eine Beratungsstelle sind meist der erste Anlaufpunkt. Wichtig im Vorfeld: Das Problem der Abhängigkeit muss als solches erkannt werden, sonst sind sämtliche Folgeschritte aussichtslos. Das Ausmaß der Sucht muss erkannt und die Lebensumstände geklärt werden, bevor die Therapie beginnen kann.

Schritt 2: Körperlicher EntzugAmbulant: Der ambulante Entzug erfolgt meist beim Hausarzt. Täglich überprüft der Mediziner in der ersten Woche den gesundheitlichen Zustand und hilft ge-gebenenfalls mit Medikamenten zur Linde -rung der Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen und Kreislaufbeschwer-den. In der zweiten Woche geht es alle zwei Tage zum Arzt. Für die Zeit erhält der Suchtkranke eine Arbeitsunfähigkeits-bescheinigung.Stationär: Besonders bei starker körperlicher Abhängigkeit ist der stationäre Aufenthalt für den körperlichen Entzug sinnvoll. Die Entgiftungen werden auf inter-nistischen Stationen von Krankenhäu-sern oder in Fachkliniken angeboten, in denen speziell ausgebildete Kräfte den Entzug überwachen und begleitende Gespräche führen.

Schritt 3:Entwöhnung – die eigentliche TherapieAmbulant: Die ambulante Behandlung dauert zwischen zwölf und 18 Monaten

Therapie: In vier Schritten zum ErfolgZiel einer Suchttherapie ist es, dass der Patient auf Dauer abstinent lebt. Diesen – zudem immer wieder gefährdeten – Zustand zu erreichen erfordert Einsicht, professionelle Hilfe und Disziplin.

und meint den Besuch von therapeu-tischen Gruppen- und Einzelgesprächen, ein- oder zweimal wöchentlich. Voraus-setzung ist, dass der Kontakt zum Thera -peuten gut ist und man sich gegenseitig vertraut. Sonst ist die Behandlung wenig Erfolg versprechend. Vorteil der ambu-lanten Therapie ist, dass die Betroffenen in ihrer gewohnten Umgebung und bei ihrer Familie bleiben sowie zur Arbeit gehen können. Das allerdings kann auch Nach teile mit sich bringen, da der Tages ablauf zumeist der gleiche wie vor der Entgiftung ist und manche Menschen dazu neigen, in gewohnter Umgebung rückfällig zu werden.Stationär: Zwischen sechs und 16 Wochen stationären Aufenthalt fern des Alltags bieten Fachkliniken an, meist

aufgeteilt nach unterschiedlichen Sucht-erkrankungen und Patientengruppen. Mit Einzel- und Gruppengesprächen wird nach den Ursachen der Sucht geforscht, um gewisse Muster zu erkennen und sie gezielt behandeln zu können. In den weiteren therapeutischen Behandlun-gen (Entspannungstechniken, Kreativitäts-trainings, Angebote zur Freizeitgestal-tung etc.) wird versucht, den Start in ein rausch(mittel)freies Leben zu erleich-tern. Der Kontakt zu Familie und Freunden ist in der Regel anfangs eingeschränkt und wird zum Ende der Therapie verstärkt, wenn es auch darum geht, das berufliche und soziale Umfeld zu betrachten.

Schritt 4: Nachsorge Gesprächstherapien: Die Basis für ein abstinentes Leben ist geschaffen, aber die Gefahr des Rückfalls bleibt. Regelmä-ßige Gesprächstermine bei einem Arzt, in einer Beratungsstelle oder einer ambu-lanten Psychotherapie bieten sich an, um am Ball zu bleiben.Selbsthilfegruppen: Ob Anonyme Alkoholiker, Kreuzbund oder Arbeiterwohl-fahrt: Selbsthilfegruppen haben sich zu einer der stärksten Säulen der Sucht -bekämpfung entwickelt. Hier treffen Suchtkranke und Angehörige auf Gleich-gesinnte, die Ähnliches erlebt und durchgemacht haben.

Links u Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Alkoholfrei leben. Rat und Hilfe bei Alkoholproblemen“, www.bzga.de u Überblick über deutsche Selbsthilfegruppen mit regional einschränkbarer Suchfunktion: www.schon-mal-an-selbsthilfegruppen-gedacht.de

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0,5Promille

0,2Promille

Die Redselig-keit steigt, Hem mun gen lassen nach, die Reak tionszeit verlängert sich.

Glas für GlasDie akuten Alkoholwirkungen sind mannigfaltig und von vielen Faktoren abhängig – vereinfacht lassen sie sich aber bestimmten Blutalkohol-Konzentrationen zuordnen.

Wie wenig ist genug?Seit es sie gibt, sind sie umstritten: ALKOHOL-GRENZWERTE IM STRASSENVERKEHR. Für das Leistungsvermögen am Steuer wäre Nullkommanichts ideal. Im Alltag haben sich liberalere, abgestufte Limits bewährt. Welche Philosophie steckt hinter 0,3, 0,5 und 0,8 Promille?

Alkohol lässt die Wirklichkeit

verschwimmen. Erst recht bei

hohem Tempo

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ALKOHOL-GRENZWERTE STRASSENVERKEHR

43DRÄGERHEFT 392 | SPEZIAL

Die beiden Besucher erfüllen die Klischees von Ehe-Veteranen: Seit Jahrzehnten verheiratet, so ziem-

lich alles miteinander erlebt. Trainiert, um unscheinbare Schwächen und das „Schnurren“ des Partners zu erkennen. Er, konzentriert und selbstsicher, steuert den Alkohol-Fahrsimulator der Hambur-ger Polizei. Sie begleitet die zunehmend schlingernde Fahrt mit gutmütigem Spott.

Das Problem ist, dass das künstlic he Auto die Fahrt immer mehr erschwert – der computergesteuerte Alkoholisierungs-grad des Fahrers steigt an. Er engt das Blickfeld ein, lässt die Lenkung schwam-mig und ungenau werden. Er verlängert Bremswege und Reaktionszeiten. Rehe springen aus der Dec kung, Fahrzeuge kreuzen unvermittelt, Kinder stolpern auf die Fahrbahn. Und dann, nach drei, vier virtuellen Drinks, kann der Mann nicht mehr rechtzeitig bremsen. „Siehst du“, entfährt es seiner Frau. „Wie oft habe ich dir das schon gesagt?!“

Gefahren anschaulich machen

Für Polizisten ist das der Moment, wis-send die Augenbrauen zu heben. Sie ken-nen sie von der Straße, diese Mischung aus Selbstvertrauen und falscher Zuversicht. Dieser Typ Fahrer fällt bei Kontrollen oft auf: der, der sich sicher ist, noch alles im Griff zu haben. Und doch: Schon bei 0,5 bis 0,9 Promille Blutalkoholkonzentra-tion ist das Risiko 11- bis 13-fach höher, bei einem Unfall zu sterben, selbst wenn nur ein Fahrzeug beteiligt ist. Auf das fast 50-Fache steigt es bei 1 bis 1 ,4 Promille. Oberhalb von 1,5 Promille ist die Gefahr fast 400-mal so hoch.

Anschaulich müsse man die ver drängte Gefahr machen, sagt Michael Wenzien, Polizeibeamter bei der Verkehrsdirektion 6 in Hamburg, zuständig für Prävention. Bis zu 200-mal im Jahr sei der Simulat or unterwegs, in Berufsschulen, auf Messen, in Einkaufszentren. Wie im Alltag sortie-re er die, die ihn steuer n, in Typen, die der Beamte von der S traße kennt: „Den Selbstüberschätzer lassen wir simulier t auf einer Landstraße fahren, 70 km/h sind erlaubt. Aus der dritten Kurve fliegt er mit 90 km/h. Ebenso auf fällig: der Übervor-sichtige, der weiß, dass er nic ht fahren sollte und es dennoch tut. Den treffen wir nachts mit 40 km/h auf einer mehr spu-rigen Straße an, er schleicht an der Linie entlang.“ Beide Fahrer wissen, dass sie Ver-botenes tun – den einen reizt es, den ande-ren schreckt es. Für einen Fahrverzicht reicht die Vernunft bei beiden nicht.

Zur Prävention dur ch Argumente kommt deshalb Abschreckung durch Kont-rollen. Und wenn Alkoholgrenzwerte über-schritten werden, gibt es eine S trafe. Die ist erforderlich – es ist auc h Staatsaufga-be, die Rechte anderer zu schützen. Ein typischer Fall: Kirchweyhe bei Bremen, im April 2010. Ein PkW prallt nach Mitter-nacht in einer Tempo-30-Zone gegen einen Baum. Die Tachonadel hängt bei 130 km/h fest, 107 km/h ist die später ermittelte Auf-prallgeschwindigkeit. Rettungskräfte fin-den sechs junge Menschen. Drei sind tot, der Fahrer stirbt später auf der Intensivsta-tion, seine Blutalkoholkonzentration wird mit 1,4 Promille festgestellt.

„Absolutes Alkoholverbot am Steuer“ fordert der Deutsche Verkehrssicherheits-rat, der als Dachverband über 200 Organi-

sationen vertritt, darunter alle deutschen Verkehrsministerien, Unfallversicherun-gen, Autohersteller und Verkehrsclubs. Der „Grenzwert Null“, in der deutschen Verkehrsgeschichte ein Sonder weg der ehemaligen DDR, wurde in den neuen Bundesländern zum 1. Januar 1993 abge-schafft. Fortan galt 0,8 Promille, seit dem 1. April 2001 der gesamtdeutsche Grenz-wert von 0,5. Ausnahme sind F ahranfän-ger in der Probezeit und Fahrer unter 21 Jahren: Seit dem 1. August 2007 sind sie zur Nüchternheit verpflichtet, ebenso wie Bus- und Taxifahrer sowie Lenker von Gefahrguttransporten. Sehr wahrschein-lich ist ein Totalverbot nicht – schließlich vertraut die Philosophie westlicher Gesell-schaften auf Vernunft und Urteilskraft des Einzelnen. Die will ausgleichen zwischen der Freiheit des Fahrers und den Rechten der anderen. Dahinter verbirgt sich die Rechtskonzeption des Königsberger Aufklä-rungsphilosophen Immanuel Kant: „Recht ist der Inbegriff aller Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Will-kür einer anderen Person nach einem all-gemeinen Gesetz der Freiheit vereinigt werden kann.“ Daher gibt es Grenzwerte, also „Kompromisse in Zahlen“.

Abschreckung als Ziel

Die deutsche 0,5-Promille-Vorschrift steht im 1973 geschaffenen und 2001 verschärf-ten § 24a des Straßenverkehrsgesetzes. Die Philosophie des Verbots ist allgemei-ne Abschreckung. Funktioniert sie? „DieZahl der Unfälle unter dem Einfluss von Alkohol und anderen berauschenden Mit-teln ist im Zeitraum 200 1 bis 2011 um knapp 40 Prozent zurückgegangen. Und >

0,8Promille

1,0Promille

Das Schmerzempfinden wird gedämpft, Seh-leistung und Hörver-mögen verringern sich. Fehleinschätzung von Geschwindigkeiten.

Erste Gleichgewichts-stö rungen treten auf, auch der Sehsinn ist be-einträchtigt, die Reak-tionszeit um das 30- bis 50-Fache verlängert.

Es beginnt ein regelrechter Rausch: Emo -tionen und Verhal- ten sind deut-lich verändert.

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0,0 ‰

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0,3 ‰

0,4 ‰

0,5 ‰

0,7 ‰

0,8 ‰

1,0 ‰ *

keine Angaben

ohne Beschränkung (kein Promillewert festgelegt)

das, obwohl es seit 2001 weder eine Ver-schärfung der Rechtslage noch eine deut-liche Erhöhung der Verkehrskontrollen gegeben hat“, konstatiert Dr. Beate Merk, Bayerns Justizministerin, nach gut einem Jahrzehnt „Nullkommafünf“.

Promillewerte bröckeln

Komplizierter, und ganz anders begrün-det, ist die Rechts- und Grenzwertpraxis, wenn ein Alkoholisierter durch Fahrfeh-ler auffällt oder einen Unfall verursacht.

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Der Alkohol wirkt mitunter wie ein starkes Schlafmittel, die Sprache ist deutlich lallend. Gedächtnis-störungen treten auf, ebenso wie Sehstörungen. Muskeln erschlaffen, die Pupillen sind klein.

Internationaler VergleichAuch wenn die physiologischen Wirkungen des Alkohols weltweit gleich sind, gibt es je nach Land unterschiedliche Promillewerte, die im Straßenverkehr erlaubt sind – zwischen 0,0 und 1 Promille. Die Karte ist eine Momentaufnahme (Stand: Anfang 2013).

Das aber ist nicht jedem Fahrer klar: Dann wird § 316 des Strafgesetzbuchs angewen-det. Er ist 20 Jahr e älter als die allgemei-ne Promillegrenze, stammt aus dem Jahr 1953. Bis zu zwölf Monate Gefängnis droht er jedem an, der „ein F ahrzeug führt, obwohl er infolge des Genusses alkoholi-scher Getränke oder anderer berauschen-der Mittel nicht in der Lage ist, das Fahr-zeug sicher zu führen“. Aber § 316 StGB nennt keine Zahlen. Die sind Sac he der Richter. Die höchsten Instanzen haben sie

jeweils an den Stand der Forschung ange-passt. Die Philosophie dieser Gr enzwerte unterscheidet zwischen „absoluter“ und „relativer“ Fahrunsicherheit.

Absolute Fahrunsicherheit wird ange-nommen, wenn die Wissenschaft einen Wert feststellt, bei dem niemand mehr sicher fahren kann. 1953 interpretier-te der Bundesgerichtshof den Stand der Forschung so, dass dies bei 1 ,5 Promille der Fall sei. 1966, nach einem Gutachten des damaligen Bundesgesundheitsamts,

2,0Promille

2,5Promille

* USA: je nach Bundesstaat unterschiedlich – bis zu 1 ‰

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ALKOHOL-GRENZWERTE STRASSENVERKEHR

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Jetzt schlägt die Wirkung in eine Art Narkose um: Die Pupillen werden weit, alle genannten Störungen verstärken sich. Der Trinker kann nun rasch bewusstlos werden und einen Schock erleiden. Trinkt er weiter, drohen Koma und Tod – entweder durch Kreislaufversagen, die Unterdrückung des Atemreflexes oder durch Unterkühlung, weil die Körpertemperatur stetig sinkt.

sank der Wert auf 1,3 Promille: Die Medi-ziner konstatierten, dass ab 1,1 Promil-le kein Proband die Fahranforderungen mehr erfüllen könne. Das Gericht gab, im Zweifel für den Angeklagten, einen Sicher-heitszuschlag von 0,2 Promille obenauf. Seit 1990 schließlich beginnt der „abso-lute Bereich“ bei 1,1 Promille: Wer auf-grund von § 316 StGB angeklagt ist, kann keinen individuellen Gegenbeweis antre-ten, wenn ihm ein Wert von 1,1 Promille oder mehr nachgewiesen wird. Es spielt keine Rolle, ob er eine per fekte Fahrvor-führung gegeben hat. Er wird verurteilt.

Anders die relative Fahrunsicherheit, bei der sowohl eine Alkoholisierung vor-lag als auch alkoholbedingte Ausfaller-scheinungen aufgetreten sind. Das wäre der Fall, wenn der Fahrer „Trinkerser-pentinen“ vollführt. Die Kehrseite der strengen Anforderungen an die Beweis-lage: Es spielt keine Rolle, ob die nachge-wiesene Blutalkoholkonzentration unter-halb von 0,5 Promille liegt. Nach einem Unfall kann es bereits ab 0,3 Pr omille zu strengen Strafen kommen. Weil diese Grenzwerte nur einem Zwec k dienen, nämlich den Ausschlag für oder gegen eine Verurteilung zu geben, heißen sie Beweisgrenzwerte. Und da ihre Aussage-kraft entscheidend ist, gibt es strenge Vor-gaben für ihre Erhebung.

Das „Pusten“ auf der Straße dient der Klärung des ersten Verdachts. Entschei-dend sind die ger ichtsverwertbare Atem-probe mit extrem zuverlässiger Analytik – in Deutschland mit dem allein dafür zugelassenen Dräger Alcotest 7110 Eviden-tial – oder einer Blutprobe, die von 1,1 Pro-mille aufwärts immer gefordert wird. Bei

der Probennahme kommt es auf die peni-ble Einhaltung der Prozeduren an. So ist u.a. vorgeschrieben, dass sie von einem Arzt durchgeführt wird. Will er diese Ver-antwortung abgeben, etwa an eine Kran-kenschwester, ist das nur mit Zustimmung des Verdächtigen möglich. Verfahrensfeh-ler sind also ein Risiko: ein findiger Anwalt könnte sie nutzen, um einen F reispruch zu erkämpfen.

Mentalitätswandel

Das Oberverwaltungsgericht Koblenz hat in einer Entscheidung von 2010 die unterschiedlichen Ansätze der Rechtsge-biete deutlich gemacht: Eine Entziehung der Fahrerlaubnis im Verwaltungsverfah-ren dient der vorsorglichen Abwehr von Gefahren, die anderen Verkehrsteilneh-mern durch nachweislich ungeeignete Fahrzeugführer drohen. Im Strafverfah-ren dagegen werde nachträglich krimi-nelles Unrecht geahndet. Schließt man

sich dieser Auffassung an, bleibt die Fra-ge: Ist es „kr iminelles Unrecht“, wenn ein Fahrer mit 1,1 Promille oder mehr unterwegs ist und wohlbehalten am Ziel ankommt? Konkret schädigt er nieman-den, doch das Recht sagt „Ja“, die Gefähr-dung reicht ihm dabei ebenso aus, als wenn jemand unsachgemäß mit Spreng-stoff in einer Fußgängerzone hantiert.

Für die Deutschen, so zeigte eine Mei-nungsumfrage im Auftrag der Dekra in 2012, dürfte durchaus der Grenzwert Null kommen: 78 Prozent der Befragten waren dafür. Auch vielen Experten erscheint er vernünftig, gut begründet und eines Tages womöglich durchsetzbar – dank eines all-gemeinen Mentalitätswandels: Früher schien es akzeptiert, damit zu prahlen, nicht erwischt worden zu sein „Stell dir vor: sternhagelvoll, und sie haben mic h nicht gekriegt!“ Erzählt man das heute, schüttelt beinahe jeder den Kopf: „Was bist du denn für einer?!“ Silke Umbach IL

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Ernüchternd: Im Fahrsimulator kann man sich ein Bild davon machen, wie sich die Welt der Straße in unterschiedlich alkoholisiertem Zustand darbietet

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VERKEHRSSICHERHEIT ALKOHOL- INTERLOCKS

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Einfach und überzeugendDas Prinzip einer ATEMALKOHOLGESTEUERTEN WEGFAHRSPERRE ist denkbar einfach: Sie gibt den Anlasser des Fahrzeugs erst dann frei, wenn der Atemalkoholtest akzeptiert wurde.

Prävention gegen Alkoholfahrten: Das Interlock XT ist der intelligente Zündschlüssel, der Fahrten unter Alkoholeinfluss verhindert

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Einen Atemalkoholtest durchfüh-ren, damit der Wagen anspringt? Was für viele ungewohnt klingt, ist

mancherorts längst Realität: Der Autofah-rer pustet mit Nachdruck in das Mund-stück eines unscheinbaren Handgeräts, das den Alkoholgehalt der ausgeatmeten Luft analysiert. Ist das Ergebnis negativ , gibt – wenige Sekunden später – die Elek-tronik des Wagens den Anlasser frei. Bei dieser Form der Wegfahrsperre, einem sogenannten Alkohol-Interlock, geht es also nicht um Diebstahlschutz, sondern um die konsequente Minderung des Risi-kos von Fahrten unter Alkoholeinfluss. Stand der Technik sind Geräte mit elek -trochemischem Sensor – wie das Dräger Interlock XT, das spezifisch Alkohol misst.

Für die Überwachung der Sicherheit im Straßenverkehr bedeuten Alk ohol-Interlocks einen P aradigmenwechsel, denn der Test wird präventiv durchge-führt – vor dem Starten des Motors. Übli-che Verkehrskontrollen hingegen sind Stichproben und zielen darauf ab, Alk o-holsünder im laufenden Verkehr zu iden-tifizieren und ihr Verhalten als Ordnungs-widrigkeit oder Straftat zu ahnden.

USA: Vorreiter bei Einführung

Vorreiter bei der Einführung atemalko-holgesteuerter Wegfahrsperren waren in den 1980er-Jahren die USA (wo heute mehr als 200.000 dieser Geräte im Ein-satz sind) und Kanada. Auch in Australi-en werden sie auf breiter Basis eingesetzt, ebenso in Europa: Erste Programme gab es in Schweden (ab 1999 zunächst regio-nal, seit 2004 landesweit), F rankreich (erste Studie in 2004) und F innland

(seit 2008, Programm gesetzlich veran-kert seit 2011). Die positiven Ergebnis-se der Feldversuche haben Gesetzgeber in verschiedenen europäischen Ländern da rin bestärkt, die Einführung von Alko-hol-Interlocks voranzutreiben. So wer -den bis zum Jahr 20 15 alle Schulbus-se in Frankreich mit Alkohol-Interlocks ausgerüstet sein. In Schweden wird das bereits bei allen staatlich ausgeschriebe-nen Transportaufträgen gefordert.

Das Prinzip eines Alkohol-Interlocks ist ebenso einfach wie über zeugend: Wer alkoholisiert ist, kann sein Fahr-zeug nicht starten. Selbst wenn heu-te eine solche Wegfahrsperre für jedes Fahrzeug sinnvoll erscheint, lässt sich eine flächendeckende Ausrüstung recht-lich und ökonomisch kaum durchsetzen. Doch es gibt genügend Beispiele dafür , dass der Einsatz bereits gut funktioniert und auch akzeptiert wird. Darunter fällt zum einen die P ersonenbeförderung (Busse, Taxis) oder der Güter verkehr (z.B. Gefahrgut). In beiden Fällen über-nehmen die Fahrer eine große Verant-wortung gegenüber Fahrgästen, der All-gemeinheit und Umwelt. Zum anderen dient der Einsatz dieser Wegfahrsperren dazu, dass Personen, die bereits alkoholi-siert im Straßenverkehr auffällig gewor-den sind, das Fahren und Trinken strickt trennen lernen. In den Nieder landen sind mittlerweile mehr als 1.000 Auto-fahrer mit einem solchen Gerät unter-wegs, nachdem Ende 2011 ein entspre-chendes Gesetz eingeführt wurde (siehe auch Drägerheft 391; S. 44-47).Wirksam ist die Technik aber nur, wenn sie zuverlässig funktioniert und auc h

Manipulationsversuchen standhält. Das Dräger Interlock XT verfügt über verschie-dene Mechanismen, die sicherstellen, dass der Atemalkohol genau analysiert und Manipulationsversuche zuverlässig erkannt werden. Wurde eine Atemprobe abgegeben und akzeptiert, gelangt sie mit-hilfe des Probenahmebalgs zum elektro-chemischen Sensor. Ist sie negativ, sen-det das Gerät der Fahrzeugelektronik ein entsprechendes Signal zur Freigabe des Anlassers.

Ein Plus an Sicherheit

Beim Einbau in F ahrzeuge des Perso-nen- oder Güter verkehrs spricht man von „Primärprävention“. Hier liegt kein konkreter Verdacht gegen den Fahrer vor. „Zudem stillt der Einsatz eines Alkohol-Interlocks das Sicherheitsbedürfnis der Fahrgäste und der Umwelt“, sagt Betti-na Velten, Produkt-Managerin bei Drä-ger. „Das schafft Vertrauen und unter-streicht die von Fahrern und Betreibern übernommene Verantwortung.“

Anders sieht es aus, wenn die Geräte in Fahrzeugen von auffällig gewordenen Verkehrsteilnehmern eingebaut werden. Diese „Sekundärprävention“ dient der Vorbeugung weiterer Trunkenheitsfahr-ten und wird anstelle oder nach einem Fahrverbot angeordnet. Die direkte Wirk-samkeit von Alkohol-Interlocks bestätigen wissenschaftliche Publikationen wie die 2011 veröffentlichte Meta-Studie des US-amerikanischen „Guide to Community Preventive Services“ oder die Cochrane-Studie von 2009. Auch die 2006 präsentier-te und von der Europäischen Kommission geförderte Studie „Alcolock implementa-

Unbestechlich: Im Innern des gegen Manipulationen

geschützten Dräger Interlock XT arbeitet

Messtechnik, die spezifisch Alkohol misst

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Interlock XT: Erst pusten, dann fahren. Das Prinzip der atem-alkoholgesteuerten Wegfahrsperrewww.draeger.com/392/interlock

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VERKEHRSSICHERHEIT ALKOHOL- INTERLOCKS

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tion in the European Union“ bekräftigt die Eignung dieser Technik für verschie-dene Zwecke. In das Projekt waren Bus- und Lkw-Fahrer als Testgruppen für die Primärprävention eingebunden. Durch Alkohol am Steuer auffällig gewordene Kraftfahrer bildeten weitere Testgruppen für den Bereich der Sekundärprävention.

Den Riegel vorschieben

Bei einmal überführten Alkoholsündern zeigten sich Alkohol-Interlocks als wirk-same Methode, weitere Alkoholfahrten zu unterbinden. Das gilt insbesonde-re im Vergleich zum Entzug des Füh-rerscheins, denn unter der Ein wirkung von Alkohol wächst offenbar die Bereit-schaft, sich – trotz des möglichen Ent-zugs der Fahrerlaubnis – ans Steuer zu setzen. Eine atemalkoholgesteuerte Weg-fahrsperre schiebt solchen Alkoholfahr-ten technisch einen Riegel vor. Was man-chen Betroffenen zum Versuch verleiten mag, die Geräte zu über listen. Deshalb

sind die Zuverlässigkeit und der Schutz gegen Manipulationen auch so wichtig. Die Geräte, die wie das Dräger InterlockXT, die Eur opäische Norm EN 50436 erfüllen, kommen den jeweiligen Anfor-derungen an das Prüfverfahren und das Betriebsverhalten nach.

Alle Ereignisse, wie etwa das Mess-ergebnis des Atemalkoholtests oder die Fahrtdauer, werden mit Datum und Uhrzeit im Gerät gespeichert und kön-nen von geschulten Personen mit ent-sprechender Hard- und Software sowie Zugangsberechtigung ausgelesen wer-den. Dies geschieht meist im A bstand weniger Wochen. Die Daten des Teilneh-mers sind verschlüsselt, Außenstehende haben keinen Einblick. Aus den Ergeb-nissen lassen sich im Rahmen einer Therapie beispielsweise R ückschlüs-se ziehen, ob sic h das Trinkverhalten des Teilnehmers geändert hat. Studien zufolge fahren einige mehrfach auffäl-lig gewordene Fahrer erneut alkoholi-

siert auf den Straßen, sobald die Geräte nach Beendigung des Programms wie-der ausgebaut wurden. Um das Potenzial eines Alkohol-Interlock-Programms voll auszuschöpfen, ist deshalb die K ombi-nation aus Gerät und begleitenden Maß-nahmen sinnvoll.

Schnelles Nachweisverfahren

Erste Konzepte für die Alk ohol-Inter-lock-Technik stammen aus den 1960er-Jahren. Als ein Vorreiter der Idee gilt Dr. Robert B. Voas von der N ational Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) in den USA, der in seinem Auf-satz „Cars that Drunks Can’t Drive“ die Funktion moderner Interlock-Technik vorwegnahm. Voas arbeitete mit an der 1992 erstmals veröffentlichten für die USA geltenden technischen Interlock-Spezifikation (Model Specif ications for Breath Alcohol Igni tion Interlock Devices). Zunächst wurde in Nordame-rika mit Systemen experimentiert, die

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Alkohol-Interlocks sind ein wesentliches Element der Primärprävention

Alkohol-Interlock im Güterverkehr

Dräger DrugTest 5000 als Bestandteil der Arbeitssicherheit

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mittels Reaktionstest auf die Fahrtüch-tigkeit schließen lassen sollten. Schließ-lich setzte sich aber der Atem alkoholtest vor dem Antritt der Fahrt als schnelles und direktes Nachweisverfahren durch. Am Grundprinzip hat sic h seitdem nicht viel geändert. Mit der zunehmen-

den Verbreitung von Alkohol-Interlocks steigen vor allem die Anf orderungen an die Geräte und das Datenmanage-ment. „Denjenigen, die daran arbei-ten, ein Trunkenheitsfahrerprogramm einzuführen, stehen wir mit unser er Erfahrung zur Seite“, be tont Bettina

Velten. Davon profitieren die beteilig-ten Kraftfahrer, die ihre Atemproben unter eindeutigen und r eproduzier-baren Bedingungen abgeben. Das Plus an Verkehrssicherheit durch den Ein-satz von Interlocks kommt indes allen zugute. Peter Thomas

1. Wenn die Zündung des Wagens eingeschaltet wird …

3. Der Alkoholgehalt des Atems wird analy-siert …

2. … fordert das Interlock XT zur Abgabe einer Atemprobe auf

4. … und bei einem be-standenen Test gibt das System den Anlasser frei

5. Nun kann der Motor gestartet werden

am Arbeitsplatz

Atemalkoholkon trolle unter Tage

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GESUNDHEIT MY THEN UND LEGENDEN

Das Märchen von der gesunden DrogeUm die WIRKUNG VON ALKOHOL UND DROGEN ranken sich viele Geschichten. Oft sollen sie die Gefährlichkeit herunterspielen oder in ein gesundes Gegenteil verkehren. Die meisten erweisen sich beim näheren Hinsehen jedoch als bizarre Märchen.

K eine Frage: Ein Glas Wein in gesel-liger Runde kann guttun, eine Zigarette auch. Es plaudert sich

leichter, die Stimmung wirkt gelassener. Das macht Spaß, und den lässt man sich nur ungern verderben – etwa durch War-nungen vor den Gefahren des Alkohols und anderer Drogen. Viel angenehmer ist da doch die Vorstellung, dass Alkohol in Maßen sogar gesundheitsf örderlich ist – oder dass man die Auswirkungen von Drogen mit kleinen Tricks im Zaum hal-ten kann. Aber stimmt das?

Gesunder Alkohol

Mit höchsten wissenschaftlichen Weihen wurde der Rotweinkonsum versehen, seit epidemiologische Studien zu dem Ergeb-nis kamen, dass mäßiger Alkoholkonsum mit einer niedrigeren Rate an Herz-Kreis-lauf-Erkrankungen einhergehe. Aber das gilt nicht uneingeschränkt. „Nur mode-rater Alkoholkonsum scheint eine posi-tive Wirkung auf die Gef äße zu haben“, erläutert Dr. Renate Schnabel, Kardiolo-

gin an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. „Beim Rotwein scheinen auch die Flavonoide und Polyphenole wie Res-veratrol eine Rolle zu spielen, die unter anderem verhindern, dass sich die Blut-plättchen zusammenklumpen und damit einem Herzinfarkt Vorschub leisten.“ Ein Glas Wein oder Bier ist demnac h noch im gesundheitlich erwünschten Bereich, höhere Alkoholmengen schädigen hinge-gen das Herz. „Mit dem ‚Holiday -Heart-Syndrom‘ bezeichnet man Her zrhyth-musstörungen und Vorhofflimmern, die häufig nach Feiern mit viel Alkohol auf-treten“, sagt die Ärztin.

Nun gut, aber nach einem kräftigen Essen fördert ein Schnaps doch die Verdau-ung! Stimmt nicht, sagen jetzt Forscher aus der Schweiz. Sie verabreichten 20 Pro-banden Käsefondue mit 200 Gramm Käse – dazu Brot und hinterher entweder Wein, einen Schnaps oder nur Tee. Die Über-raschung: Die Alkoholtrinker verdauten sogar deutlich langsamer als die Teetrin-ker. Alkohol lockert zwar die Magenmus-

kulatur und verursacht dadurch subjektiv eine Linderung des Völlegefühls, verzögert aber gleichzeitig die Verdauung.

Auch als Schlafmittel hält Alkohol nicht das, was er verspricht. Zwar wird man mit Alkohol müde und schläft leich-ter ein, doch erholsamer ist der Schlaf bis weilen nicht: Alkohol verhindert in der ersten Nachthälfte den Tiefschlaf, traum-los wälzt man sich hin und her und wird oft wach, die Muskeln erschlaffen, und unter dem Schnarchen leiden die Bett-genossen. Das Gefährlichste sind jedoch Atemaussetzer – eine Schlafapnoe, die sich unter Alkohol noch verstärken kann. Das Fatale ist, dass sic h regelmäßige Trinker von diesen Sc hlafproblemen nicht durch abruptes Absetzen des Alko-hols befreien können. Dann kommt es zu einer ausgeprägten Schlaflosigkeit, die oft leider wieder mit Alkohol bekämpft wird.

Gebändigte Drogen

Noch ein paar Spr itzer Wein an das Fischragout? Kein Problem, das ver -

Rotwein: gut fürs Herz?

Sorgt Alkohol für besseren Schlaf?

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Berauscht vom Champagner-Bad? Dekadent, aber wissenschaftlich untersucht: Das Bad in Champagner kann den Atemalkoholgehalt tatsächlich auf über 1,5 Promille erhöhen – allerdings nur bis zu 15 Minuten nach Verlassen der Wanne. Die Blutalkohol konzen tra tion bleibt bei etwa 0,1 Promille. Somit gelangt kein Alkohol durch die Haut in das Blut, und man bleibt selbst in Champagner nahezu stocknüchtern.

dunstet doch beim Kochen! Leider ist auch das ein Ir rtum, der auf jedem Weihnachtsmarkt widerlegt wird: Auch der stundenlang erhitzte Glühwein hat schließlich noch ausreichend „Umdre-hungen“. Zwar siedet Alkohol bereits bei 78 Grad und verdampft im Wasser-gemisch, aber nur bis zu einer Konzen-tration von fünf Pr ozent. Bei diesem Verhältnis stellt die Mischung ein soge-nanntes Azeotrop dar und hat einen konstanten Siedepunkt. Deshalb waren in Experimenten in Rotweinsoße auch nach 2,5 Stunden Kochen noch fünf Pro-zent Alkohol enthalten.

Wasserpfeifen liegen im T rend als vermeintlich bekömmlichere Art des Rauchens. Schließlich gelangt der Rauch vor dem Inhalieren durch Was-ser und wird dabei gereinigt. Auch ein Irrtum, sagen Experten. Die gesund-heitlichen Gefahren werden durch die süßlichen Aromen und das Fehlen von Bitterkeit und Kratzen unter schätzt: Die Nikotinkonzentration im Blut ist

nach dem Rauchen von Shishas deut-lich höher als nach Zigaretten. Wäh-rend einer Sitzung inhalier en die Konsumenten etwa so viel Rauch wie nach 100 filterlosen Zigaretten, gibt die Weltgesundheitsorganisation zu bedenken.

Tricks beim Alkoholnachweis

Ein starker Kaffee, ein kurzer Schlaf, Schwitzen bei einem or dentlichen Dauer lauf – das wird den Restalkohol schon vertreiben! Leider macht man da die Rechnung ohne die Leber. Die lässt sich davon nicht beeindrucken und ver-

arbeitet den Alkohol konstant mit 0,1 bis 0,2 Promille pro Stunde. Und wer nach einer alkoholgetränkten Nacht mit dem Auto nach Hause fährt und der Polizei begegnet, wird auch mit Knob-lauchfahne oder Pfefferminzbonbons im Mund nur Gleichmut bei den Beam-ten ernten. Messgeräte, wie das Dräger Alcotest 9510, lassen sich nämlich nicht überlisten. Fremde Aromen stören die Anzeige nicht, und auch wenn bei nie-drigeren Temperaturen ein niedrige-rer Atemalkoholgehalt angezeigt wird, rechnet ihn das Gerät auf Normaltem-peratur hoch. Regina Naumann

Shisha: gesünder als Zigaretten?

Verdunstet Alkohol beim Kochen?

Ist Schnaps gut für die Verdauung?

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Dichter dranEin Streifzug durch die LITERATUR BIETET ALKOHOLKONSUM in zahlreichen Facetten: Freud und Leid des Genusses, Faszination und Zerstörungskraft des Exzesses finden sich gleichsam in Werken und Biografien der letzten Jahrhunderte. Doch die Schwerpunkte verschieben sich.

Ein Hoch auf die Poesie: Charles Bukowski tankt

Inspiration während einer Lesung in Paris (1978)

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IM RAUSCH SCHRIFTSTELLER

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Sein letztes Bier trank Benjamin von Stuckrad-Barre auf dem Weg zum Entzug. Ein letzter Schluck. Einer

der bekanntesten deutschen Schriftstel-ler ist trockener Alkoholiker – seit einigen Jahren, sagt er. Nach jahrelangem Dasein im Dauerrausch blieb ihm die F ahrt in die Entzugsklinik: in einem Zug, in dem für Johann Wolfgang von Goethe, E. T. A. Hoffmann oder Charles Baudelaire noch Plätze frei gewesen wären. Oder für Edgar Allan Poe, Ernest Hemingway und Charles Bukowski, Oscar Wilde, Jean Paul und Jack London.

Haare grün gefärbt

Sie wären eine illustre Gesprächs- und Therapierunde geworden. Goethe, der von seinen zwei, drei Flaschen Wein täglich erzählt und davon, wie seine Frau Chris-tiane am Alkohol zugrunde ging, während er in seinem Weimarer Gartenhaus unbe-irrt weitertrank. Drogen-Crosser Baude-laire, der gesteht, sich unter Einfluss sei-ner Alltagsdroge Absinth (kombiniert mit Opium) die Haare grün gefärbt zu haben. Hoffmann, der abends seine Fantasie mit Wein und Punsch anheizte. Sie alle hätten nett beieinander gesessen und besc hlos-sen, künftig „Nein, danke!“ zu sagen, wenn man ihnen ein Glas Hoc hprozen-tiges angeboten hätte. Und wahrschein-lich hätte jeder von ihnen 20 oder auch 30 Jahre länger gelebt. Abgesehen von Goe-the, der es – er staunlicherweise – trotz mehr als 60 Jahr e währenden Alkohol-missbrauchs auf 82 Lebensjahre schaff-te. Hoffmann wäre nicht mit 46 Jahren an Leberzirrhose gestorben, Wilde hätte sei-nem letzten Besucher kurz vor dem Tod

„Fast alle Kriminal-romane kriegt man nur mit Alkohol runter“MICHAEL KRÜGER ist Verleger, Autor und Herausgeber. Mit der wissenschaftlichen Satire „Literatur & Alkohol“ verfasste er ein nicht ganz ernst gemeintes Verzeichnis real exis-tierender sowie möglicher trunkener Literatur.

Herr Krüger, als Autor und Verleger wissen Sie es: Schreibt es sich unter Alkoholeinfluss besser? Besser sicher nicht, aber mitunter einfacher. Es gab in der Geschichte Schriftsteller, die nur unter Alkoholeinfluss schreiben konnten. Diese Wahrnehmung kennen wir schon aus der Antike: Gott löst die Zunge und spricht aus dem Schriftsteller. In unseren bürgerlichen Verhältnissen heute hat sich das verändert, weil Alkohol als Droge und Rauschmittel angesehen wird. Merken Sie als Verleger den Manuskripten an, wenn ein Autor getrunken hat? Nein. Alkohol löst zwar die Zunge, aber das sehe ich ja dem Manuskript nicht an. Vielleicht hätte es mich ohne Alkohol nie erreicht, aber das kann ich als Leser nicht wissen.Literaten und Alkohol gehören irgendwie zusammen. Wird der Alkoholkonsum bei Schriftstellern einfach nur mehr wahrgenommen? Sicherlich. Ich würde nicht sagen, dass es unter Literaten mehr Trinker gibt als in anderen Berufsgruppen. Heutzutage wird vor allem unter Jugendlichen wahnsinnig viel getrunken, und das sind nun weiß Gott keine Dichter. Aber irgendetwas muss diese Nähe zwischen Alkohol- und Schaffensrausch doch begründen! Ohne Frage ist Alkohol ein Thema unter Schriftstellern, denn er ist auch ein Mittel, die Angst vor dem Versagen zu besänftigen. Der Beruf des freien Schriftstellers ist kein leichter, er ist auch geprägt von Versagensängsten. Man muss sich ständig fragen: Taugt das, was ich geschrieben habe? Alkohol kann von dieser Angst befreien.Ein Glas Rotwein gehört vielerorts auch für den Leser zum Buch. Beflügelt Wein die Fantasie und die Fähigkeit, sich auf eine Geschichte einzulassen? Die Frage ist, warum man liest. Am Abend, um sich zu entspannen, ist das nicht abwegig. Fast alle Kriminalromane zum Beispiel sind so schlecht, dass man sie nur mit Alkohol runterkriegt. Am nächsten Tag hat man das, was man da gelesen hat, schon wieder vergessen. Und es ist auch nicht so schade drum. Als Verleger kann ich auf keinen Fall trinken beim Lesen – das würde meinen Blick trüben. Lesen ist für mich Arbeit, und das geht nur nüchtern.> F

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„Ich hasse es, Drogen, Alkohol, Gewalt oder Wahnsinn für jedermann zu befürworten – aber mir hat’s immer geholfen“ Hunter S. Thompson

als 46-Jähriger nicht erzählen müssen: „Meine Tapete und ich fechten gerade ein Duell aus. Einer muss verschwinden!“ Jack London hätte sich wohl nicht mit 40 Jahren das Leben genommen, Heming-way eine Therapie gegen seine Depressi-onen gemacht und sich nicht mit Ende 60 erschossen (siehe auch S. 22–23). Aber hätten uns ihre Werke aus den Jahren der Abstinenz ähnlich erfreut wie die, die in der Zeit des Trinkens entstanden?

Denkt man an die g roßen Literaten, ist das Bild des T rinkers nicht weit. Ob ein, zwei, drei Gläser zum entspannten Schreiben oder Rauschexperimente als Bewusstseinserweiterung: Alkohol, Dro-gen und Literatur scheinen auf seltsame Weise miteinander verbunden zu sein. Nicht nur, weil viele Autoren seit der Anti-ke in Briefen oder Anekdoten, Gedichten und Anthologien zu ihrem Laster Stel-

lung nehmen – ohne es auc h gleich als solches zu beschreiben oder notwendi-gerweise zu empfinden. Sondern auch, weil das Image des tr inkenden Schrift-stellers, rückblickend betrachtet, kein per se schlechtes ist. Toten Dichtern haf-tet der Alkohol- und Drogenmissbrauch weitaus weniger negativ an als den heute lebenden, die sogleich als zügellos, maß-los und nicht ernst zu nehmend betrach-tet werden.

Lockmittel auf dem Titel

Günter Grass mit einem Glas Wein in der Hand mag man sich noch gefallen lassen. Zu Michel Houellebecq gehört es auch irgendwie, wenngleich der nicht müde wird, immer wieder zu be tonen, Sex sei die bessere Droge. Christian Kracht und auch Benjamin von Stuckrad-Barre haben erkannt, was Alkohol mit ihnen anr ich-

Ernest Hemingway in Pamplona (1959): Der alte Mann und das „Mehr“ (links). Rechts: Hunter Thompson, der im Rausch eine neue Art der Reportage erfand und seinen ausschweifenden Schreibstil „Gonzo-Journalismus“ mit Drogen aller Art taufte

> tet. Sie haben ihn vor Jahren zu ihrem Markenzeichen werden lassen, als wil-de, alkoholische Exzesse und Popliteratur in einem Atemzug einhergingen – und machen es heute ebenso zu ihr em Mar-kenzeichen, das überwunden zu haben.

Der Amerikaner Augusten Burroughs verarbeitet in einem Werk den eigenen Entzug, Joachim Lottmann nutzt den Alkohol als Lockmittel auf dem Titel, ver-sichert im Buch aber laufend, dass er selbst am Genuss nie Gef allen gefunden habe. Das Image des modernen Trinkers hat sich gewandelt, für den Leser wie den Autor selbst. Man scheint der Vorstellung, alle Werke könnten einzig Vergorenem entstammen, überdrüssig geworden zu sein. Ob der Alkoholkonsum heute einfach besser versteckt ist oder die Abstinenz tat-sächlich gelebt wird, bleibt das Geheim-nis der Autoren. Isabell Spilker

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EDGAR ALLAN POEDER RABE

ZweisprachigeAusgabe

Insel-Bücherei Nr. 1363

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Jack LondonKönig Alkohol

Roman

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832): „Faust“ Wo hätte Mephisto Faust sonst hinführen können, um ihm das „leichte Leben“ zu zeigen, als in Auerbachs Keller, wo der Wein in rauen Mengen floss? Als Student selbst weilte Goethe dort bei seinen ersten Gläsern Wein.

Jean Paul (1763–1825): „Siebenkäs“, „Hesperus“ Wein, Likör und Bier ließ der Zeitge-nosse Goethes reichlich fließen. Seinen Werken tat es keinen Abbruch. Ob sie ohne besser geworden wären? Wer weiß, ob es sie überhaupt gegeben hätte. Versprach sich der Dichter doch: „Die Trunken-heit vermehrt zwei schöne Dinge: Mut und Liebe.“

Edgar Allan Poe (1809–1849): „The Raven“ Obwohl schon nach einem Glas Wein stock be-trunken, kam der vom Leben Gepeinigte nicht vom Alkohol los. Unzählige Werke nachfolgender Literaten bauen auf Poe auf – uns wären wohl viele großartige Werke vorenthalten geblieben.

Charles Baudelaire (1821–1867): „Die Blumen des Bösen“ Baudelaires Hauptwerk ist dem Absinth zu verdanken. Dem Gedichtband, der ihn zum größten Lyriker Frankreichs machte, sagt man nach, dass nur der Wahn unter Absinth so etwas hervorbringen konnte.

Jack London (1876–1916): „König Alkohol“ Ein Klassiker für Hochprozentiges: Am Ende, und das fehlt freilich in seinem autobiografischen Roman zur Alkoholsucht, wartete auf den Autor der Selbstmord unter Drogeneinfluss.

Gottfried Benn (1886–1956): „Bierode“ Ein Loblied auf das braune Gebräu, dem Benn in jeder Hinsicht verfallen war. Nicht ohne Ironie widmete sich der Dichter und Doktor Gottfried Benn hier einmal mehr seinem großen Laster.

Ernest Hemingway (1899–1961): „Der alte Mann und das Meer“ Das pulitzer- und nobelpreisgekrönte Werk spielt und entstand in Hemingways Wahlheimat Kuba, wo er täglich mehrere zartgrüne Daiquirís (aus Zuckerrohr-sirup, Rum und Limonensaft) und Mojítos, flaschenweise Wein, Whiskey und Tequila trank.

Malcolm Lowry (1909–1957): „Unter dem Vulkan“ Lowrys Erfolgswerk, das autobiografisch angehaucht das Schicksal eines Trinkers zum Inhalt hat: Im Endstadium des Alkoholismus be findet sich der Protagonist auf einer Reise durch die Hölle, die zugleich der Himmel ist.

Charles Bukowski (1920–1994): „Der Mann mit der Ledertasche“ Keines seiner Werke wäre wohl ohne den Alkohol so, wie wir es heute kennen – und schätzen. Nur wer die Höhen und Tiefen des Rauschs und der Selbstzerstörung am eigenen Leib erfahren hat, wie Komasäufer Bukowski, kann sie derart eindrücklich beschreiben.

Hunter S. Thompson (1937–2005): „The Rum Diary“ Es geht um Alkohol, es wurde geschaffen mit Alkohol. Mit seinem exzentrischen Werk „The Rum Diary“ schuf sich das Enfant terrible des von ihm ins Lebengerufenen Gonzo-Journalismus selbst ein Denkmal.

Top-Werke des Rauschs Trotz oder wegen Alkohol: Diese Werke hätte es so, wie wir sie kennen – ohne den Rausch davor, dabei oder danach –, wohl nie gegeben. Und das ist nur eine kleine Auswahl, der mühelos nicht allein Ringelnatzens „Kuttel Daddeldu“ hinzuzufügen wäre.

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Schicht im SchachtVor allem am Wochenende ist hier für manchen PARTYGÄNGER Schluss: in der Notaufnahme. Wer hier landet, hat so viel Alkohol oder andere Drogen zu sich genommen, dass er nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Darunter: immer mehr Jugendliche, die mit einer Alkoholvergiftung behandelt werden.

Es piept – wie ein digitaler Wecker, den niemand ausstellt. W as für Fremde nervig klingt, ist der

Sound, der Krank enschwester Judith Szücs seit fünf Jahr en begleitet. Die 26-Jährige arbeitet in der Zentralen Notaufnahme am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die unab-lässigen Geräusche des Monitors stehen für den Pulsschlag von Menschen, die in den Betten ihrer Abteilung liegen. Auf den Displays tanzen verschiedenfarbige Wellen zu den Tönen zackig auf und ab. Meist signalisieren sie, dass alles in Ord-nung ist mit den Patienten.

Wer bei Judith Szücs und ihren Kolle-gen landet, steht mitunter unter Alkohol- und/oder Drogeneinfluss. Wie die 47-jäh-rige Christa. Sie liegt mit Verdacht auf Medikamentenmissbrauch benommen im Zimmer U18. „Als sie hier ank am, konnte sie uns noch sagen, dass sie zu viele Schlaftabletten zu sic h genom-men hat“, sagt die Krank enschwester. Aber erst das Ergebnis der Blutentnah-me bringt Gewissheit, welche Substanzen wirklich im Körper zirkulieren.

150 bis 300 Patienten – täglich

Bisher verläuft diese Samstagnacht im UKE ruhig. „Bei uns werden pro Tag zwei bis fünf Patienten mit Drogen- oder Alko-holproblemen eingeliefert. Das hängt auch von eventuellen Großveranstaltun-gen in Hamburg ab“, sagt Dr. Ulrich May-er, Leiter der Notaufnahme im UKE. Seit 2007 organisieren er und seine Kollegen die schnelle Hilfe, behandeln Her zin-farkte, Platzwunden oder Knochenbrü-che. Tag für Tag werden hier zwischen

150 und 300 Patienten versorgt. Vor allem gestrandete Trinker machen im Winter einen Großteil der Patienten aus. „Es hat schon System, dass sich diese Men-schen immer wieder bei uns einf inden. Hier fühlen sie sich wohler als in einer Notunterkunft“, so Dr. Mayer. Wie auf Bestellung wankt in diesem Moment ein Rumäne den hellen Gang entlang. „Der hat sich selbst entlassen, das pas-siert häufiger“, weiß Schwester Judith. Denn irgendwann setzt der Entzug ein – und dann müssen Gewohnheitstrinker ihren Promille-Pegel wieder auf Normal-zustand bringen. „Wenn jemand mit drei

oder mehr Promille zu uns kommt, hat er mitunter zwei Flaschen Korn intus.“ Zudem kommt es bei schweren Trinkern auch mal zum lebensbedrohlichen Deli-rium tremens (siehe Kasten). „Diese Fäl-le landen auf der Intensivstation.“

Immer mehr Jugendliche bevölkern an Wochenenden nach Saufgelagen die Notaufnahme. Grenzerfahrungen mit Alkohol gehören für viele dazu. Sie tr in-ken Hochprozentiges in Rekordzeit und filmen sich und ihre Taten fürs Internet.

Während im Jahr 2005 in Deutsc h-land 19.423 Kinder und Jugendliche zwi-schen zehn und 19 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt wurden, waren es sechs Jahre später 26.349 Fälle. Neben Alkohol sind immer wieder Drogen ein Grund für die statio-näre Behandlung: „Vor allem Marihua-na, Kokain, Methadon und Pilze. Synthe-tische Drogen wie Crystal Meth gibt es hier so gut wie nicht“, sagt Dr. Mayer.

Auch nicht in dieser Nacht, als ein Vater seine Tochter in die N otaufnah-me bringt. Die zier liche 15-Jährige wirft ihren Kopf hin und her. „Mir ist so schlecht“, wimmert das Mädchen. Schwester Judith und Krankenpfleger Christopher eilen herbei. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr wissen sie, dass sie zu viel W odka getrunken hat. Ihr Vater fand seine Tochter auf der Stra-ße. Nach der Blutentnahme dar f sich die 15-Jäh rige auf die Matratze in den Gang legen. Hier, am Empfang im grel-len Neonlicht, steht sie unter st ändiger Beobachtung des Personals. Obwohl das Mädchen seinen Rausch auch zu Hau-se ausschlafen könnte, möchte ihr Vater

Dr. Ulrich Mayer, Leiter der Notaufnahme im Hamburger Uni-versitätsklinikum Eppendorf

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sie hierlassen. „Als Erziehungsmaß-nahme“, wie er betont. Kaum verschwin-det er in die Nacht, rollt der nächste Not-fall herein.

Gefährliches „Wasser“

Manuela liegt auf einer T rage, beglei-tet von Ärzten und zwei Polizisten. Spre-chen kann die 15-Jährige nicht mehr. Sie schläft. Und so muss ihr F reund erklären, warum sie hier ist. Auc h in diesem Fall ist zu viel W odka der Grund. Das slawische Wort „Wodka“ ist eine Verniedlichung von „Woda“ (zu Deutsch: Wasser). Mit ihren Freunden hat das Mädchen den hochprozentigen Sprit pur aus der Flasc he getrunken – wohl nicht zum ersten Mal, wie der min-derjährige Begleiter erklärt. Während Manuela im Gang ihr en Rausch aus-schlafen soll, versuchen die Polizisten, ihre Eltern zu benachrichtigen. Erst als die Uniformierten die Erziehungsbe-rechtigten erreichen, wird klar, dass die ihre Tochter im Kinderzimmer wähnen. Nach 30 Minuten erreichen die Eltern das UKE. Doch allzu mitfühlend sind sie nicht. Der Vater zückt sein Handy und knipst ein Bild. „Das wird einen Ehren-platz erhalten und Manuela an diesen Abend erinnern.“

Während ihre Eltern gegen 3.00 Uhr morgens das Gebäude verlassen, piepsen die Monitore, hüpfen die Linien des Dis-plays auf und ab – und signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Thomas Soltau

Blauäugig: Nach einer halben Flasche Wodka schläft diese

15-Jährige ihren Rausch in der Not-

aufnahme aus

Was ist Delirium tremens? Delirium tremens (wörtlich: „zitterndes Irresein“) oder Alkoholdelirium ist eine lebensbedrohliche Komplikation bei einer bestehenden Alkoholkrankheit und erfordert ärztliche Hilfe. Es tritt Stunden bis Tage nach dem letzten Alkoholkonsum bei fünf bis 15 Prozent der Alkoholiker auf. Die Sterb-lichkeitsrate beträgt unbe handelt rund 20 Prozent, behandelt etwa zwei Prozent. Die Entzugs-erscheinungen und deren Dauer sind abhängig von der Konstitution des Alkoholikers und seinen Trinkgewohnheiten. Angst, Schlafstörungen und vegetative Beschwerden können jedoch bis zu sechs Monate lang anhalten und dazu führen, dass der Patient im Sinne einer falsch verstan denen „Eigentherapie“ in dem Versuch, sich von diesen Symptomen zu befreien, rückfällig wird.

Interview: Prof. Dr. Rainer Thomasius über Delirium tremens und Trinkspiele bei Jugendlichen.www.draeger.com/392/notfall

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GESELLSCHAFT HIRNDOPING

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Lässt sich der Denkmuskel

genauso dopen wie ein Ober schenkel? Nicht ganz, aber so

ähnlich. Doch das ist nicht nur un fair, sondern kann auch

gefährlich sein

Moralisches DilemmaEs scheint verlockend: Eine Pille einnehmen und einfach schlauer werden. Anhänger des COGNITIVE ENHANCEMENTS glauben, dass das funktioniert. Aber stimmt das wirklich, und wie hoch ist der Preis dafür?

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A ngenommen, einer gewinnt die Million: Nicht eine Frage im TV-Quiz bleibt unbeantwortet, egal

um welches Thema es geht. Der K andi-dat deutet jede subtile Regung des Mode-rators – und er obert die Her zen der Zuschauer durch seine schlagfertige Art. Das Land feiert den Sieger. So lange, bis er gesteht: „Ich habe gedopt!“ Aus Hel-denverehrung würde empörte Enttäu-schung, wie bei Lance Ar mstrong, dem früheren Radprofi mit der lebenslangen Wettkampfsperre. Denn Doping ist unfair, und Doping ist Betrug, oder?

Bei Spitzensportlern ist die Wirkung leistungsfördernder Substanzen leicht zu erklären: Mehr Sauer stoff im Blut, das bringt auf der Langstrecke Ausdauer. Schmerz unterdrücken heißt, die Grenzen der Belastbarkeit zu dehnen. Aber was ent-spricht dem Körper-Kick von Blutdoping in unserem Kopf? Warum besteht seit Lan-gem im Turnierschach ein Chemie-Verbot, das von der internationalen Anti-Doping-Agentur WADA überwacht wird? Welche Stoffe stehen im Verdacht, von Superhirn-Aspiranten missbraucht zu werden?

Nächte durcharbeiten

Eine ganze Reihe von Wirkmechanismen kommt infrage. Zähes Lernen von Fakten fordert maximale Konzentration. Ritalin, das bekannte „Zappelphilipp“-Medika-ment, könnte dabei helfen. Hemmt hin-gegen Müdigkeit den Eifer, lassen sich mit dem Wachmacher Modafinil Nächte durcharbeiten. Und die Gefühlsregungen des Moderators ließen sich besser deu-ten, als die Konkurrenz es vermag: Das menschliche Sozial-Hormon Oxytocin

könnte das bewirken. Es ist als N asen-spray erhältlich.

Das ist die landläufige Vorstellung vom Hirndoping. Die W issenschaft schätzt den Begriff nicht, eine typisch populäre Pa role sei er. Sachlicher heißen geistige Leistungssteigerer „Cognitive Enhancer“ oder „Neuro-Enhancement-Präparate“ (NEPs). Sie werden dringlich gesucht: „Demenz“ heißt eines der Sc hlagwörter zur Forschungsförderung. Erreichte die Pharmakologie es, den geistigen Verfall bei Alzheimer für lange Zeit zu st oppen, wäre das eine Großtat, vergleichbar mit der Erfindung der Antibiotika. Genau wie bei den Bakterien-Vernichtern darf man aber auch bei den Cognitive Enhancern sicher sein, dass sie sic h außerhalb des Kreises der unbedingt Bedür ftigen ver-breiten werden. Dabei zeigt sic h das moralische Dilemma des Hirndopings.

Nützt Doping der Gesellschaft?

Wer Antibiotika ohne Not nutzt, schädigt potenziell alle. Bakterien werden resis-tent. Einer aber, der sein Gedächtnis fri-siert oder die Aufmerksamkeit stärkt – wie soll der ander en schaden? Nützt seine erhöhte Produktivität nicht sogar der Gesellschaft? Forscher aus Gr oß-britannien und den USA haben 2008 im Wissenschaftsjournal „Nature“ die-sen Standpunkt vertreten, darunter der Hirnforscher Michael Gazzaniga, Stan-ford-Rechtsprofessor Henry Greely und die Neuro-Ethikerin Martha Farah. Ihr Rezept: „Cognitive Enhancement hat für Einzelne und die Gesellsc haft viel zu bieten, und eine angemessene gesell-schaftliche Antwort darauf wird sein, sie >

Wo nichts ist, kön-nen auch leistungs-

steigernde Mittel nichts hervorkitzeln

– wenngleich sie vor han denes Wissen schneller verfügbar

machen können

Die KandidatenWelche Stoffe tunen angeblich den Geist? u Klassiker der geistigen Leistungsstei-gerung sind Psychostimulanzien wie Am phe tamine. Sie wurden nicht nur illegal, sondern auch quasioffiziell eingesetzt, um Piloten und Soldaten wach und alert zu machen. In der Medizin wurden sie vorwiegend durch Amphetamin-ähnliche Substanzen abgelöst (z.B. Ritalin). Sie steigern die Aufmerksamkeit, können allerdings zu Selbstüberschätzung führen. Harte illegale Stimulanzien sind Kokain und seine noch gefährlicheren Abkömmlinge. u Müdigkeit lässt sich gezielt mit Modafinil beseitigen, das gegen die „Schlummersucht“ Narkolepsie verschrieben wird. u Auch mit Medikamenten gegen Demenz, die Acetylcholinesterase-Hemmer und Memantine, haben Hirndoper bereits experimentiert. u Antidepressiva werden in der Absicht benutzt, durch gute Stimmung leistungs-fähiger zu werden.

Dies sind die häufigsten Nennungen in Studien. Daneben werden zahllose Vitamine mit den oben genannten verwand-ten Substanzen und erlaubte Stoffe wie Kaffee oder Nikotin zur Leistungs-steigerung genutzt. Exotischere Ansätze reichen von Hormonen wie Oxytocin (soll soziale Intelligenz steigern) bis zu Cannabis-Abkömmlingen, um lern hem-mende Erfahrungen aus dem Gedächtnis zu löschen. Bislang jedoch steht für stärkere Substanzen ein geringer Nutzen einer ganzen Reihe ernst zu nehmender Nebenwirkungen gegenüber.

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verfügbar zu machen und ihre Risiken zu steuern.“

Die Experten schrieben das in dem Wissen, dass der Gebrauch der praktisch ausnahmslos verschreibungspflichtigen Medikamente – Ritalin fällt gar unter das Betäubungsmittelgesetz – für Gesunde illegal ist. Kontrollierte Freigabe, so die Hoffnung, sei die bessere Alternative als Wildwuchs. Auch für den professionellen Kopfarbeiter jenseits des Examens, so malt es der Mainzer Neurophilosoph Thomas Metzinger aus, sei das verlockend: Zwölf bis 14 Stunden, die Nacht von Freitag auf Samstag, könnte ein Wachmacher-Kon-sument zusätzlich schreiben, rechnen

oder erfinden. Den Rest des Wochenen-des ruht er aus, bleibt daher gesund und gewinnt so eine ganze Arbeitswoche pro Monat – ein Wettbewerbsvorteil in der beschleunigten Leistungsgesellschaft.

Nicht nur auf Leistung achten

Die Wahrheit ist, dass die t atsächlichen Vorteile, die sic h heutige Hir ndoper verschaffen können, gering ausfal len. Bei Stimulanzien wie Ritalin kann der unsachgemäße Gebrauch Prüfungs-ergebnisse sogar ver schlechtern. Sie dämpften bei Probanden die Selbstkritik und ließen sie unbedacht falsche Antwor-ten als wahr ankreuzen. Eine den Geist

Langer Traum vom WachseinMentale Fähigkeiten zu steigern – dieser Wunsch ist alt. Schon jahrtausende-alte Praktiken können helfen, das zu erreichen. Besonders die Meditation zählt dazu. Durch ihre Übungstechniken lassen sich Konzentrationsvermögen ebenso wie Struktur und Chemie des Zentralorgans verändern.

Der schnelle und bequeme Weg zu mehr Wachheit (für Krieger auf Wache), Ausdauer (für Träger oder Jäger) und zu gefragten geistigen Fähigkeiten (Visionen der Schamanen, Ratschläge der Weisen) aber führt seit vorhistorischer Zeit durch den „Garten der Natur“: Kath, die Alltagsdroge Nordafrikas, wirkt wie Amphetamin. Kaffee und Tee hemmen das Müdigkeitssignal im Gehirn. Die Blätter des Koka-strauchs sind ein klassisches Ausdauermittel, das langes und konzentriertes Arbeiten auch in dünner Andenluft erlaubt.

Aber erst mit dem Triumph der Chemie im 19. Jahrhundert kommen die hochwirksamen Reinsubstanzen ins Spiel: 1887 wurde Amphetamin synthetisiert, sein stärkeres Geschwister „Meth“ 1893. Ritalin gibt es seit 1944, die modernen Antidepressiva seit 1984. Unser heutiges Verständnis der Neurochemie und der Struktur des Gehirns aber erlaubt es, Substanzen präzise auf Hirndoping hin zu designen: Die Pharmakologie, etwa der modernen Anti-Demenzmittel, ist deshalb noch sehr jung – ein Großteil möglichen Fortschritts mag noch in der Zukunft liegen.

dramatisch stärkende Wirkung ist also kaum zu erwarten. Dafür aber sämtli-che Nebenwirkungen. Bei aufputschen-den Substanzen zählt dazu mindestens die Gefahr einer Abhängigkeit. Und bei sämtlichen intensiv auf den Hir nstoff-wechsel einwirkenden Mitteln ist die Fra-ge nach bleibenden Veränderungen von Persönlichkeit, Emotionsregulation und Gedächtnis bei Langzeitgebrauch nicht ausreichend erforscht.

Als sich bald nach den „Nature“-Auto-ren sieben führende deutsche Exper-ten in ihrem Manifest „Das optimierte Gehirn“ dazu positionierten, argumen-tierten sie: „Niemand kann wollen, dass sich der schon gegenwärtig hohe gesell-schaftliche Konkurrenzdruck durch die Verbreitung von Neuro-Enhancements weiter verschärft. Eine durchgängige Ausrichtung des Lebens auf Leistung und Effizienz wäre inhuman und aus-grenzend.“ Im besseren Verständnis der Hirnprozesse des Lernens und der emo-tionalen Regulation lägen jedoch auch große Chancen. Für F orschung spre-chen sich die Experten aus, nicht jedoch für den schnellen Griff in die Internet- Apotheke: Es seien künftig viele Anwen-dungen der Enhancer vor stellbar, die höchst humanen Fortschritt bringen könnten. Dafür gelte es, R egeln zu fin-den: „Insbesondere wäre es ver nünf-tig, für NEPs höher e Sicherheits- und Wirksamkeitsstandards als in der t he-rapeutischen Pharmaforschung festzu-setzen, weil es ,nur‘ um Leistungs- und Befindlichkeitsverbesserungen statt um Rettung, Heilung oder Linder ung von Beschwerden geht.“ Silke Umbach

Früh übt sich? Ritalin-Tablette in Kinderhand (links). Rechts schreiben 450 Studenten eine Statistik-Klausur. Einige davon vielleicht mit Ritalin. Hirndoping an Hochschulen ist viel verbreiteter, als bislang vermutet

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Die 20 gefährlichsten DrogenGefährliche RAUSCHMITTEL konsumieren die anderen: die Junkies vor dem Bahnhof und die Partykids, die sich mit Ecstasy und Speed aufputschen. Die zwei, drei Bier am Abend sind da etwas anderes, oder?

Bei der Frage nach der Gefährlich-keit von Drogen stehen zunächst das psychische und körperliche

Abhängigkeitspotenzial und die Schwe-re der Entzugserscheinungen im Mittel-punkt – aber auch der körperliche Scha-den. Um aber die als Gesamtschaden des Drogenkonsums aufgefasste „Gefährlich-keit“ bemessen zu können, ist weit mehr zu berücksichtigen.

Genau das hat David J. N utt am Imperial College London getan. Nutt ist Neuro pharmakologe und war – als Lei-ter des Advisory Council of the Misuse of Drugs (ACMD) – Drogenbeauftrag-ter der Regierung Gordon Brown, bis er 2009 entlassen wur de, weil er sic h öffentlich für eine objektive Be wertung der Gefährlichkeit von illegalen und lega-len Drogen einsetzte. Danach gründete er das Independent Scientif ic Commit-tee on Drugs, mit dessen Unterstützung eine Studie entstanden ist. Darin unter-zog Nutt 2010 die 20 am meisten genutz-ten legalen und illegalen Drogen in Groß-britannien einer aufwendigen Analyse. Nutt und sein Team stellten verschiede-ne Kriterien auf, nach denen sie die Dro-gen mit einem 100-Punkte-System bewer-teten. Mehr als die Hälf te der Kriterien bezogen sich auf den Schaden für das Individuum: physische Schäden wie kör-perliche Zerstörung und Tod, psychische Schäden wie Abhängigkeit und Beein-trächtigung der geistigen und mentalen Fähigkeiten sowie soziale Schäden wie Verlust von persönlichem Vermögen und menschlichen Beziehungen.

Mit den übrigen Kriterien bewerteten sie den Schaden des Drogenkonsums für

der Spitze, wenn es um die Sc häden für die Umgebung des Konsumenten und für die Gesellschaft geht. Dabei spielt es natür-lich eine Rolle, dass Alkohol von viel mehr Menschen konsumiert wird als Heroin oder Crack/Kokain. Abgeschlagen in die-ser Rangliste sind LSD, Rausch pilze und das Opioid Buprenorphin. Auch wenn bei diesen Drogen bereits kleine Mengen für einen Rausch reichen, ist der Gesamtscha-den für den Nutzer deutlich geringer und geht für die Gesellschaft gegen Null. „Ein niedriger Wert bedeutet aller dings nicht, dass die Droge harmlos ist“, warnt Nutt. „Jede Droge ist unter bestimmten Umstän-den gefährlich.“ Regina Naumann

Schädlichkeit für Konsumenten KG 46 Schädlichkeit für Dritte: KG 54

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Heikel, auch für DritteDie Grafik führt verschiedene Drogen nach Summe ihrer Schädlichkeit für den Konsumenten und für Dritte auf. Die Werte sind normalisiert (0 bis 100) und danach gewichtet: 46 Prozent entfallen auf den Konsumenten, 54 Prozent auf Dritte. KG = kumulative Gewichtsverteilung. GHB = Gamma-Hydroxybuttersäure. LSD = Lysergsäurediethylamid.

Dritte: körperliche und psychische Ver-letzungen in der Familie und im weite-ren Umfeld, Kriminalität, Verelendung, Umweltschäden, Schäden für die Gesell-schaft sowie ökonomische Kosten, etwa durch medizinische Betreuung.

Alkohol und Heroin stehen an der Spitze

Heroin, Crack/Kokain und Methamphe-tamin sind demnach die gefährlichsten Drogen, was Abhängigkeit, mentale Schä-den und Sterblichkeit angeht. Doch schon die vierte Stelle belegt Alkohol aufgrund seines hohen A bhängigkeitspotenzials. Ganz unangefochten steht er jedoch an

DROGEN RANGLISTE

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Gedämpfte StimmungIn den Bundesstaaten COLORADO UND WASHINGTON STATE ist Marihuana mittlerweile erlaubt, doch die Euphorie verflog mit dem Rauch der ersten Joints. Strenge Regeln schränken die neue Freiheit ein: Gemeinden verbieten Kiffer-Clubs, und US-Gesetze unterbinden weiterhin den Handel mit und den Konsum von Marihuana.

Ordnung muss sein, auch im Drogenparadies: Cannabispflanzen in Denver/Colorado mit Tracking-Möglichkeit

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POLIT IK DROGEN

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F röstelnd, aber sichtlich gut gelaunt, versammelten sich mehr als ein-hundert Menschen in der Nacht

zum 6. Dezember 2012 unter der Space Needle, dem Wahrzeichen von Seattle. Kaum war der Zeiger auf die Zw ölf gerückt, brach großer Jubel aus. „Initia-tive 502“ trat in Kraf t – erstmals wurde damit Marihuana in einem US-Bundes-staat legalisiert.

Kichernd wurden Joints und Pfeifen herumgereicht. Polizisten beobachte-ten das Spektakel, ohne einzug reifen. Sie folgten damit dem Blog-Hinweis auf der Website ihres Polizeikommissariats: „Bis auf Weiteres werden Beamte keine Aktionen angesichts von Verstößen gegen I 502 vornehmen – abgesehen von münd-lichen Verwarnungen. Wir werden euch eine großzügige Schonfrist einräumen, um euch an die schöne neue und irgend-wie bekiffte Welt zu gewöhnen.“

Seither dürfen im nor dwestlichen US-Bundesstaat alle über 21-Jährigen eine Unze Marihuana (knapp 30 Gramm) für den persönlichen Gebrauch besitzen und im privaten Umfeld konsumieren. Verbo-ten sind nach wie vor das Rauchen in der Öffentlichkeit, bekifftes Fahren eines Fahrzeugs sowie Produktion und Verkauf der Droge, außer für medizinische Zwe-cke. Der Staat hat ein Jahr Zeit, R egeln für den Anbau von und das Geschäft mit Cannabis zu entwickeln.

Einen Monat nach dem Freudentau-mel in Seattle spielten sic h in Colorado ähnliche Szenen ab. Dort trat am 5. Janu-ar 2013 der Gesetzeszusatz 64 zur Mar i-huana-Legalisierung in Kraft. Der von 55 Prozent der Wähler befürwortete Zusatz-

artikel erlaubt seitdem auch hier über 21-Jährigen, eine Unze Marihuana zu besitzen – zudem dürfen Volljährige bis zu sechs Cannabispflanzen in geschlossenen Räumen anbauen. Es ist zw ar verboten, die Ernte zu verkaufen, nicht aber, sie zu verschenken. Auch hier darf weder in der Öffentlichkeit gekifft noch unter Marihu-ana-Einfluss Auto gefahren werden. Mari-huana-Läden im 300-Meter-Umkreis von Schulen, Spielplätzen, Kindergärten und Parks sind ebenfalls verboten.

Bundesstaat gegen Bund

Die Lage ist kompliziert. So stuft das US-Bundesrecht Cannabis nach wie vor als Rauschmittel höchster Klasse ohne medi-zinischen Nutzen mit hoher A bhängig-keitsgefahr ein – wie Her oin, LSD und Ecstasy. Besitz, Er werb, Verkauf und Produktion werden mit harten Strafen geahndet. Selbst der inzwischen in 18 US-Bundesstaaten und dem Distr ict of Columbia genehmigte Gebrauc h von Cannabis für medizinische Zwecke ist laut Bundesgesetz illegal.

Diese Widersprüche führen auch zu Grauzonen am Arbeitsplatz. S taatliche Angestellte sind weiterhin dem Bundes-gesetz unterstellt – von P olizisten über Lehrer und Förster bis zu Busf ahrern. Anders ist die Lage bei Pr ivatunterneh-men. Dort gehört ein Drogentest oft zum Bewerbungsgespräch. Stichproben sind üblich. Bisher war Marihuana im Blut ein Grund zur Nichteinstellung oder Kündi-gung. Boeing will diese Praxis zunäc hst nicht ändern. Andere Firmen haben ange-kündigt, ihre Verträge zu überprüfen. Es dürfte schwierig werden, in Bundesstaa-

ten mit legalisier tem Marihuana den Konsum der Droge im Privatbereich zu bestrafen, selbst wenn er die Leistung am Arbeitsplatz beeinträchtigt.

„Es wird faszinierend sein zu beob-achten, wie die R egierungen der Bun-desstaaten mit den neuen R egelungen umgehen, wie Washington D. C. und die Industrie reagieren – und natürlich, was die Konsumenten machen“, sagt Profes-sor Mark Kleiman. Der Experte für Straf-recht und Drogenpolitik am Luskin-Poli-tikinstitut der University of California in Los Angeles setzt sich seit Jahren für mehr Forschung über die Legalisierung von Marihuana ein. Er wirft Gegnern wie Befürwortern vor, die Diskussion mit zu viel Propaganda und zu wenig Sac hlich-keit zu führen. Kleiman begrüßt das Wäh-lervotum in Washington und Colorado, auch weil er mangels Legalisier ung bis-lang nicht genügend Fakten zu Auswir-kungen einer Liberalisierung sammeln konnte: „Das ist nun anders.“

Filmemacher Eugene Jar ecki ist vehementer Verfechter der Legalisierung von Marihuana. In „The House I Live In“ dokumentiert er fatale Folgen des „War on Drugs“. Der 1971 ausgerufene Anti-Drogen-Krieg habe bis heute mehr als eine Billion Dollar gekostet, richte sich vor allem gegen Arme und Farbige und trage zur Überfüllung von US-Gefängnis-sen bei. Rund eine halbe Million Men-schen sitzen in den USA wegen Dr o-gendelikten im Gef ängnis, etwa zehn Prozent davon wegen Verstößen gegen Marihuana-Gesetze.

Gespannt warten Gegner und Befür-worter, ob auch Washington seine Dro-

Medizin: Michael Dare aus Seattle

erhofft sich durch Marihuana eine

Linderung seiner Schmerzen und konsumiert hier

die Droge demon-s trativ öffentlich

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Page 64: Alkohol und Drogen - Drägerwerk AG

DROGEN POLIT IK

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genpolitik ändert. US-Präsident Obama erklärte Ende 2012, es sei keine Prio-rität seiner Regierung, hier das Bun-desgesetz durchzusetzen. „Wir haben Wichtigeres zu tun, als gelegentlic he Verbraucher von Marihuana in den US-Bundesstaaten strafrechtlich zu ver -folgen, die es genehmigt haben.“ Der Vorsitzende des Justizausschuss im US-Senat, Demokrat Patrick Leahy, deutete einen möglichen Kompromiss an: „Wir könnten das Bundesgesetz so ergänzen, dass es in Bundesstaaten mit entspre-chender Rechtsprechung legal ist, eine Unze Marihuana zu besitzen.“ Doch die Liberalisierung hat auch Gegner. Unter-stützung bekommen diese unter ande-rem von den Vereinten Natio nen. Die erklärten, dass die Wählerentscheidun-gen in Washington und Colorado gegen internationale Abkommen verstoßen sowie die Gesundheit der Gesellsc haft im Ganzen und der von Jugendlic hen im Besonderen bedrohen.

„Legalisierung verhindert den Drogenkrieg“Seit 1989 vertritt das weltweit renommierte Magazin „The Economist“ die These: „Das Verbot hat versagt, Legalisierung ist die weniger schlechte Lösung.“ Zur Begründung führen die liberalen Londoner unter anderem an: Allein die USA ver -wenden 40 Milliarden US-Dollar jährlich darauf, den Schmuggel zu verhindern. Und über 6.000 Polizisten und Soldaten sterben jährlich im Drogenkrieg. Das große Gefälle zwischen niedrigen Herstellungskosten und hohen Handelspreisen finan-ziere kriminelle Strukturen. Legalisierung würde diese austrocknen und Drogenkonsum mehr zu einem Thema des Gesundheitssektors als der Straf verfolgung machen. Wie bei Tabak so könne bei einer Liberalisierung auch hier eine Aufklärung über Gesundheitsrisiken den Kon sum einschränken. „Unser Vorschlag ist vertrackt“, schreibt das Magazin, „aber ein Jahrhundert manifesten Versagens ruft nach einer Alternative.“

> Aber nicht nur die Kritik an der US-Dro-genpolitik lässt die Stimmung in Rich-tung Legalisierung umschwenken. Ange-sichts hoher Verschuldung und leerer Haushaltskassen sehen Gemeinden, Bun-desstaaten und Regierung in Washington ungenutztes Potenzial von Steuereinnah-men in Milliar denhöhe. Eine Gr up-pe von dreihundert Wirtschaftswissen-schaftlern – darunter Nobelpreisträger – forderte, die Legalisierung von Mari-huana wohlwollend zu prüfen.

Steuern und Profit

Sie verweisen auf eine S tudie des Har-vard-Ökonomen Jeffrey Miron, wonach die USA jährlich sechs Milliarden Dollar zusätzlich einnehmen könnten, wenn sie auch diese Droge wie Alkohol und Tabak besteuern würden. Gleichzeitig könnte man eine stattliche Summe bei der straf-rechtlichen Verfolgung dieser Droge spa-ren. Andere Studien schätzen den mög-lichen Nutzen aus einer legalisier ten

Marihuana-Industrie auf 45 bis 100 Mil-liarden Dollar pro Jahr.

Professor Kleiman zeigt sich besorgt angesichts der Aussicht auf einen profita-blen Handel mit Marihuana: „Cannabis-Unternehmer sind nicht nur an gelegent-lichen Kiffern interessiert.“ Er verweist auf die Tabak- und Alkoholindustrie. Die mache 80 Prozent ihres Geschäfts mit starken Rauchern und Trinkern. „Aus meiner Sicht dürfte es keinen kommerzi-ellen Handel mit Marihuana geben. Aber das bringt natürlich weder hohe Gewinn-spannen noch Steuereinnahmen.“

Seit der Legalisierung von Marihu-ana arbeiten Colorado und Washington State an der Regulierung von Produk-tion und Handel der Droge. In Colorado entwickeln Politiker, Sicherheitsexper-ten, Marihuana-Aktivisten und Unter-nehmensverbände einen Gesetzesrah-men. Ab Oktober 2013 sollen Behörden Geschäftslizenzen vergeben können. In Washington ist die Behörde für Alko-holausschanklizenzen zuständig für die Entwicklung eines rechtlichen Rah-mens. Was den Drogenpolitik-Experten Kleiman beunruhigt – aus seiner Sicht ist die Entwicklung von Alkohollizen-zen nach der Prohibition in den USA das beste Beispiel dafür, wie Drogen-legalisierung eben nicht geregelt wer-den sollte: „Alkohol richtet in den USA mehr Schaden an als alle illegalen Dro-gen zusammen!“

Jugendliche im Visier

Wird Marihuana legal, fürchtet Klei-man, kann die Industr ie offen für ihr Produkt werben und ihr e Marke-

Solange eine Razzia der Bundespolizei droht, wird Marihuana kein Geschäftsmodell

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Grasgrün: Jake Dimmock, Mitbesitzer des Northwest Patient Resource Center in Seattle, pflegt seine Mari-huana-Plantage für die medizinische Nutzung der Ernte

In Seattle wird Marihuana abgewogen und verpackt – ganz legal. Wer über 21 ist, darf versteuertes und staatlich kontrolliertes Gras in einem der staatlichen Läden kaufen

Nancy Jo Arm strong (links) und Nancy

King zählen die Stimmzettel der Mari hu ana-

Petition in Washing-ton State aus:

341.000 Wähler stimmten mit „Ja“

tingstrategie gezielt auf Jugendlic he ausrichten. Investoren und Existenz-gründer stehen in den S tartlöchern, um den neuen Markt zu besetzen. Die Yale-Absolventen Brendan Kennedy und Michael Blue haben mit Privateer Hol-dings die er ste Wagniskapitalgesell-schaft gegründet, die ausschließlich in Marihuana-bezogene Geschäfts ideen investiert. Vom Marihuana-Automa-ten „Medbox“ über den Be wertungs-dienst für Marihuana-Läden bis zum Luxus-Kiff-Club „Diego Pellicer“, gelei-tet vom ehemaligen Micr osoft-Mana-ger Jamen Shively in Seattle, scheinen keine Grenzen gesetzt. Wäre da nicht die noch immer unklar e rechtliche Lage zwischen Bund und Bundesstaa-ten. Solange jedem Geschäft mit Mari-huana eine Razzia der Bundespolizei droht, die US-Drogenbehörde Unterneh-men schließen und die US-Steuerbehör-de Einnahmen beschlagnahmen und Unternehmer wegen illegaler Aktivitä-ten verklagen können, lassen sich auch Banken nicht auf den neuen Industrie-zweig ein. Existenzgründer bekommen weder Kreditkarten noch Bankkonten. Transaktionen zwischen Produzenten, Vertreibern und K unden sowie zwi-schen Geschäftsbesitzern und Mitar-beitern werden somit bar abgewickelt. Selbst Vermieter lassen sich nur zöger-lich darauf ein, Mar ihuana-Unterneh-mern Räume oder Lagerhallen zur Ver-fügung zu stellen.

Es wird Jahre dauern, bis wissen-schaftlich, ökonomisch und medizinisch relevante Ergebnisse aus der Legalisie-rung vorliegen. Kerstin Zilm

Nancy Jo Arm strong (links) und Nancy

King zählen die Stimmzettel der Mari hu ana-

Petition in Washing-ton State aus:

341.000 Wähler stimmten mit „Ja“

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JUSTIZ GESELLSCHAF T

Nein, nein, und nochmals nein!Gibt es ein „RECHT AUF RAUSCH“? Staatliche Gewalt beansprucht, den Bürgern allerhand zu verbieten – bestimmte Drogen zum Beispiel. Das geschehe zu ihrem Besten, heißt es. Volltrunkenheit aber lässt der Staat in vielen Bereichen durchgehen. Ein Widerspruch?

Nein“, sagte das deutsche Bundes-verfassungsgericht (BVerfG) in Karlsruhe. „Nein“, „Nein“ und

nochmals „Nein“. Am 9. März 1994 ver-kündete es seinen „Cannabis-Beschluss“. Die Richter prüften, ob der Bürger das Recht habe, sich nach Gutdünken zu berauschen – mit Subst anzen, die der Gesetzgeber verboten hat. Dabei ging es auch um eine mögliche falsche Tole-ranz für Alkohol. Das erste „Nein“ ist das umfassendste: „Für den U mgang mit Drogen gelten die Schranken des Art. 2 Abs. 1 GG. Ein ‚R echt auf Rausch‘, das diesen Beschränkungen entzogen wäre, gibt es nicht.“

Rausch lässt sich nicht verfolgen

Artikel 2 des Grundgesetzes verbürgt das Recht auf „freie Entfaltung der Persönlich-keit“. Jeder darf tun, was ihm beliebt. Doch schränkt sich dieses umfassende Verspre-chen selbst ein: Jeder dar f alles, „soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die ver fassungsmäßige Ord-nung oder das Sittengesetz verstößt“.

Was davon tut ein Drogenkonsument? Diese Frage bereitete vielen Strafrich-

tern Kopfzerbrechen. Verfahren nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) hatten sich in den 1970er- und 1980er-Jahren explosiv ver mehrt. Zwischen Ha schisch welle und der Heroin- Tra gö-die „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sah sich der Staat genötigt, einer als ernste Bedrohung wahrgenommenen Entwick-lung zu begegnen. Der Weg zur obersten Instanz war vorprogrammiert.

Der heutige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Nešković, damals Richter am Landgericht Lübeck, brachte 1992 den Stein ins Rollen: Neškovićs Strafkammer sah sich nicht in der Lage, eine Angeklag-te nach dem BtMG zu ver urteilen. Zen-trale Argumente waren:• dass der Gesetzgeber die Konsumen-ten von Alkohol tolerant behandele und so den Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3 des Grundgesetzes breche,• dass der Rausch seit ehedem kulturel-ler Normalfall und damit Teil der Persön-lichkeitsentfaltung sei, die von Ar tikel 2 geschützt wird,• und dass die P olitik der straf enden Drogenprävention erfolglos sei.Das Verfassungsgericht allerdings ent-

gegnete, dass „das Verbot des Verkehrs mit Cannabisprodukten niemanden zwingt, auf andere – nicht dem Betäubungsmit-telgesetz unterliegende – Rauschmittel (wie z.B. Alkohol) zurückzugreifen“. Aus Gründen der Rechtssicherheit habe sich der Gesetzgeber entschieden, eine abge-schlossene Liste der verbo tenen Subs-tanzen zu erstellen. Um des Rausches selbst willen werde man nicht verfolgt. Wie auch? Der Gesetzgeber schiene dann verpflichtet, Nagellackentferner, Kleb-stoffe und Benzin zu verbie ten, sobald er erführe, dass sich „Schnüffler“ damit berauschten.

Die Sucht bekämpfen

Das zweite „Nein“ des BVerfG ist damit klar: Nicht alle Gif te müssen g leich behandelt werden. Eine Legalisierung von Drogen ist auch dann nicht geboten, wenn sie hierzulande kaum Probleme machen. Denn Deutschland ist seit lan-gem durch internationale Verträge ver-pflichtet, einen Katalog von Substanzen zu verbieten. Cannabis zählt dazu, eben-so Amphetamine, LSD, Heroin und Koka-in. Letztlich kommt es auf die rechtliche F

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Praxis an. Bekämpft der Staat das, was er eigentlich bekämpfen will? Das nämlich ist nicht der Rausch – es ist die Sucht.

Dr. Clemens Veltrup, der als Psycho-therapeut die Fachklinik Freudenholm-Ruhleben in Schleswig-Holstein leitet, erkennt einen Widerspruch zwischen der rechtlichen Behandlung der unter -schiedlichen Suchtmittel und ihr en tatsächlichen Gefahren. Die 1,3 Mil-lionen Tablettenabhängigen, die es in Deutschland gebe, tauchten in der sta-tionären Suchttherapie praktisch nicht auf. „Gerade einmal 700 sind 20 12 in Kliniken gegangen“, sagt er. Im Bereich der Drogenhilfe, bei illegalen Substan-zen, sei hingegen über Jahrzehnte eine große Infrastruktur geschaffen worden. Auch Gesetze haben Risiken und Neben-wirkungen.

Pragmatiker wissen: Ideale Gesetze wird es nie geben. Dafür aber k onkrete Handlungsfelder, in denen die V erhält-nisse gebessert werden können. Im Stra-ßenverkehr etwa geht auch von ganz lega-len Arzneimitteln eine erhebliche Gefahr aus – besonders Beruhigungsmittel wer-den suchthaft eingenommen. Die Gefähr-

dung anderer aber ist für eine künf tige Präventionspolitik zugleich der stärkste Hebel. Beim Nichtraucherschutz hat sie bereits gewirkt, auch die Schäden durch eigenes Rauchen sind rückläufig.

Verhältnismäßigkeit ist wichtig

Eine Asymmetrie der Verbote jedenfalls hat das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber 1994 ausdrücklich gestat-tet. In ihrem Verfolgungseifer setzten die Richter den Behörden allerdings mit ihrem dritten „Nein“ Grenzen: Nicht jeder, der sich mit einer kleinen Menge Haschisch erwischen lässt, gehört vor Gericht. Zentraler Satz: „Die V erhän-gung von Kriminalstrafen gegen Probier- und Gelegenheitskonsumenten kleiner Mengen von Cannabisprodukten kann in ihren Auswirkungen auf den einzel-nen Täter zu unangemessenen und spe-zialpräventiv eher nachteiligen Ergeb-nissen führen.“

Ein Recht auf Rausch hat also nie-mand. Doch im Kampf gegen die Sucht gilt es, Verhältnismäßigkeit zu wahren – eine Politik der eisernen Faust lässt das Recht nicht zu. Silke Umbach

Was darf der Staat seinenBürgern verbieten? Worüber Juristen streiten, hat konkrete Auswirkungen in der Praxis

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MINI-LEXIKON RAUSCHMIT TEL

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Drogen-ABCEs enthält Fakten über GEBRÄUCHLICHE DROGEN – zu ihren Wirkstoffen ebenso wie zu Konsum formen, Risiken, Prävalenz (Häufigkeit der Nutzung), Herkunft und Geschichte. Ein Streifzug.

AlkoholWirkstoff: Ethylalkohol (Ethanol)Konsumform: getrunken in verschie-denen Zubereitungsformen und Mischungen mit sehr unterschiedlichem Alkoholgehalt zwischen 2 Prozent (vergorene Stutenmilch „Kumis“) bis 95 Prozent (Maisschnaps „Everclear“). Wirkung: siehe Seite 22Prävalenz: In den EU-Staaten liegt der Konsum von über 15-Jährigen bei 12,5 Liter reinem Alkohol jährlich – und ist damit doppelt so hoch wie der welt weite Durchschnitt. Risiken: EU und WHO listen über 40 anerkannte alkoholbedingte Krankhei-ten auf, zudem spiele Alkohol „auch bei einer Vielzahl anderer Gesundheitsproble-me eine Rolle, etwa bei Verletzungen und Todesfällen im Straßenverkehr“. In den EU-Staaten waren 2004 10,8 Prozent aller Todesfälle der Altersgruppe zwischen 15 und 64 Jahren auf eigenen Alkohol-konsum zurückzuführen. Zusätzlich starben 3,3 Prozent dieser Altersgruppe durch Alkoholkonsum Dritter. Herkunft und Geschichte: siehe S. 10–11Synonyme: Alk, Fusel, SpritStärkung: Um 3100 v. Chr. erhielten die Pyramidenarbeiter täglich fünf Liter Bier – als Nahrungsergänzung und zur Stimmungsaufhellung.

BenzodiazepineWirkstoff: Gruppe von Verbindungen, die als Grundkörper das 1,4- oder 1,5-Benzodia zepin besitzen. Sie wurden als Tranquilizer für Beruhigungs- und Schlafmittel entwickelt, deren internatio na le Freinamen oft auf -azepam enden:

Keiner Droge ist ihre Wirkung und ihr Risiko anzusehen

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Diazepam, Lorazepam und Oxazepam. Handelsnamen sind unter anderem Valium, Librium, Rohypnol, Tavor und Praxiten. Konsumform: als Tabletten oder intravenös injiziertWirkung: angstlösend, entspannend, beruhigendRisiken: Gedächtnisstörungen, einge-schränkte Reaktions- und Wahrnehmungs-fähigkeit – damit einhergehend: Fahrun-tüchtigkeit; Abhängigkeit bei nicht ärztlich kontrollierter Dauereinnahme Herkunft und Geschichte: Benzodia-zepine kommen als Spuren im mensch-lichen wie tierischen Blut sowie in einigen Pflanzen vor. 1957 wurde Benzodiaze pin mehr oder weniger zufällig in den USA entdeckt. Mit „Librium“ kam 1960 das erste Medikament aus dieser Gruppe auf den Markt, „Valium“ folgte 1963. Erst in den 1980er-Jahren wurde das Abhängig-keitspotenzial erkannt, doch noch 2008 prophezeite eine Studie dieser Stoffgruppe, dass sie „noch viele weitere Jahre ver-schrieben wird“. Synonyme: Tranx, Benzos, Pillen; Rosch und Rohys für Rohypnol Schlaflos: „Meine Frau erlaubt nicht, dass ich Valium nehme!“, sagte Ben zodiaze pin-Entdecker Leo Sternbach gegenüber „The New Yorker“.

Cannabis Gattung der Hanfgewächse Wirkstoff: Tetrahydrocannabinol (THC)Konsumform: zumeist geraucht, ver-mischt mit Tabak in Zigaretten als (größe-rer) Joint, (kleinerer) Stick oder aus spezieller Haschischpfeife. Tritt hierbei die Wirkung fast unmittelbar ein, verzögert sich ihr Eintritt, wenn Cannabis mit Geträn-ken, Joghurt oder in Keksen verbacken konsumiert wird.Wirkung: Verstärkung bereits vorhan dener positiver oder negativer Stimmungen sowie deutliche An - he bung der Stimmungslage. Gefühl der Ent spannung, inneren Ruhe und Aus geglichenheit; häufig vermin der-ter An trieb. Heiterkeit und gesteigerte soziale Kommunikation werden ebenfalls beobachtet.

Prävalenz: Annähernd 25 Prozent aller Europäer im Alter zwischen 15 und 64 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. 6,8 Pro-zent derselben Gruppe konsumierten es in den letzten zwölf Monaten – bezie-hungsweise eine von drei Personen mit Canna biser fah rung. Risiken: eingeschränkte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bei gleich-zeitiger Überschätzung; Fahruntüchtigkeit. Bei starkem und regelmäßigem Konsum psychische Abhängigkeit, Passivität Herkunft und Geschichte: Heimat ist wahrscheinlich Vorder- und Mittelasien. Verwendung in der Volksheilkunde (Herabsetzung des Schmerzempfindens bei Neuralgie, Migräne und Anfallsleiden), aber in allen Kulturkreisen auch als Rausch-droge. Erste Erwähnung 2700 v. Chr. in einem chinesischen Arzneibuch. Die Nutzung als Heilmittel mit euphorisierender Wir-kung beginnt in Europa im 19. Jahrhundert. Synonyme: Dope, Ganja, Gras, grüner Tabak, Kiff, Pot, Piece, Shit, Spliff, WeedKiffende Königin: Ärzte verschrieben Königin Victoria (1819 – 1901) Cannabis gegen Menstruationsbeschwerden.

Crack mit Alkalien versetztes Kokain-Hydrochlorid Ò Kokain Wird geraucht, und tauchte erstmals 1983/84 an der Westküste der USA auf.

„Designerdrogen“ Amphetamine („Speed“) und Methamphetamine („Ecstasy“)Wirkstoffe: Diese strukturähnlichen und synthetisch produzierten Designerdrogen gehören zur Stoffklasse der Beta-Phenyl-alkylamine (Beta-Phenethylamine). Konsumform: Zumeist werden sie geschluckt, seltener geschnupft, intra ve-nös genommen oder gar geraucht (Methamphetamine). Wirkung: Als Analeptika wirken sie auf putschend und machen hellwach, kraft-voll und selbstsicher; Methamphetamine wirken oft deutlich stärker als Amphetamine (siehe auch S. 23).Prävalenz Amphetamine: Etwa 3,8 Prozent aller Europäer im Alter zwischen 15

und 64 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Amphetamine konsumiert. 0,6 Prozent derselben Gruppe konsu-mierten Amphetamine in den letzten zwölf Monaten – beziehungsweise eine von sechs Personen mit Amphetaminerfahrung. Prävalenz Ecstasy: Etwa 3,4 Prozent aller Europäer im Alter zwischen 15 und 64 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Ecstasy konsumiert. 0,6 Prozent derselben Gruppe konsumier-ten Ecstasy in den letzten zwölf Monaten – beziehungsweise eine von sechs Personen mit Ecstasy-Erfahrung. Risiken: Überdosis und Nebenwirkun-gen, vor allem bei gestreckter und intravenös applizierter Droge; Halluzina-tionen, psychische Abhängigkeit, Kollaps, DehydrierungHerkunft und Geschichte: Die um-gangs sprachlichen Ausdrücke „Designer-drogen“ und „Weckamine“ beschreiben einerseits die gezielte Synthese dieser Stoffe im Labor, andererseits ihre Wir-kung. 1887 synthetisierte der rumänische Chemiker Lazâr Edeleanu in Berlin Am-phetamin, das ab 1933 als „Benzedrine“ gegen Schnupfen eingesetzt wurde. Doch bald rückten die aufput schenden Neben-wirkungen in den Vordergrund – etwa beim Militär, das ab dem Zweiten Weltkrieg Amphe tamine zur Leistungssteigerung einsetzte, aber auch beim Sport. Mit injizierten Amphetaminen begann ab den 1960er-Jahren eine neue Dimen sion des Missbrauchs, der als „Partydroge“ bis heute in den ver schiedensten Konsum-formen anhält. Die Entwicklung der Methampheta mine verläuft parallel: 1893 erstmals in Japan synthetisiert, machte es im Zweiten Weltkrieg dank seiner aufputschenden Wirkung bei fast allen Armeen Karriere – in Deutschland als 1937 patentiertes „Pervitin“. Wie schon beim 1912 erstmals syn the tisierten MDMA (Ecstasy) geraten demgegenüber mögliche medizinische Anwendungen bei Erkältungskrankheiten oder als Appetitzügler in den Hintergrund. Als Doping eingesetzt, wurde besonders Ecstasy seit Mitte der 1960er-Jahre zum traurigen Star der Musik-Szene.

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MINI-LEXIKON RAUSCHMIT TEL

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Synonyme Amphetamine: Speed, Pepp, Amph, Crank, GülleSynonyme Methamphetamine: Ice, Meth, Crystal, Glas, Yaba; für Ecstasy: E, Adam, XTC, Emphaty, Cadillac, MDMA, Love-DrugNoble Bitte: „Der Dienst ist stramm … Heute schreibe ich hauptsächlich um Pervitin. … Euer Hein“, telegrafiert der Literaturnobelpreisträger (von 1972) Heinrich Böll aus Polen am 9. November 1939 an seine Eltern in Köln.

Diazepam Ò Benzodiazepine Unentbehrlich: Die WHO führt es in ihrer Liste der „Essentiell Medicines“, die zur Mindestausstattung einer medizinischen Basisversorgung gehören.

Ecstasy Ò Designerdrogen

Haschisch Harz aus Blütenständen der weiblichen HanfpflanzeWirkstoff: Tetrahydrocannabinol (THC), Wirkstoffgehalt je nach Herkunft zwischen 5 und 20 Prozent Ò CannabisKiffer in Berlin: „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen!“, Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Neuss, 1983

Heroin Ò OpioideSynonyme: H („eitsch“), Stoff, Junk, Gift, Teer, Skag, Harry, Smack, Schmeck, Caca, CaballoÀ la mode: 1986 prägt die „Sunday Times“ den Begriff „Heroin Chic“ für die Kultur von Heroin-Konsumenten, speziell für sehr schlanke und blasse Mannequins.

KetaminWirkstoff: ein den Halluzinogenen nahestehendes und sogenanntes „dissoziie-rendes Anästhetikum“ (Phencyclidinderivat)Konsumform: In wässriger Lösung wird es getrunken oder als Pulver (Ketanest, Ketaset, Ketalar) geschnupft; seltener intravenös injiziert.Wirkung: erzeugt eine Art kataleptischen Zustand, in dem sich der Konsument

von seiner Umgebung und seinem Körper („K-Land“) sowie der Zeit („K-Loch“) abgekoppelt sieht. Bizarre, teilweise furcht-erregende Träume, visuelle und auditive Halluzinationen Prävalenz: Lückenhafte und nicht konsistent erhobene Daten gehen unter jungen Erwachsenen (15–34 Jahre) in einigen ausgewählten EU-Ländern von etwa 2 bis 4 Prozent aus. Risiken: Kollaps bei Überdosierung, Psychosen bei regelmäßigem Konsum, lang andauernde Angstzustände bereits bei kleinen Dosen, wenn eine entspre-chende genetische Disposition vorliegt Herkunft und Geschichte: entwickelt ab 1962 als schnell wirkendes Anästhe-tikum in den USA, dort Zulassung 1970, daraufhin sofortiger Einsatz u.a. im Vietnamkrieg; nicht medizinischer Konsum zunächst unter „Psychonauten“, heute als „Clubdroge“ u. a. bei Raves Synonyme: Special K, Vitamin K, Jet, Super Acid, Kit Kat, Schweine-Speed Das Paradies: „Wenn Industriekapitäne und Staatspräsidenten diese ‚Droge der Liebe‘ nähmen, so wäre die Erde der Garten Eden.“ Psychonautin Marcia Moore in „Journeys Into the Bright World“ (1978)

Kokain kristallartiges Pulver aus den Blättern des Kokastrauchs Wirkstoff: KokainKonsumform: geschnupft, intravenös injiziert und geraucht (Crack)Wirkung: starke zentralnervöse Stimula tion durch Hemmung der Rückspeicherung von Noradrenalin, Dopamin und Serotonin in synaptischen Vesikeln. Unmittelbarer Wir kungs eintritt, euphorisierend, stressredu-zierend. Hemmungen verringern sich. Zugleich gesteigerte Energie und KreativitätPrävalenz: Rund 4,6 Prozent aller Europäer im Alter zwischen 15 und 64 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Kokain konsumiert. 1,2 Prozent derselben Gruppe konsumierten Kokain in den letzten zwölf Monaten – bezie-hungsweise eine von vier Personen mit Kokainerfahrung. Risiken: schnelle psychische Abhängig-keit bis zur „Kokainpsychose“; Verun-

reinigungen und Streckmittel erhöhen das Risiko von NebenwirkungenHerkunft und Geschichte: Der Koka-strauch wird seit gut 5.000 Jahren in Südamerika kultiviert. Die Blätter durften zunächst nur bei kultischen Handlun-gen gekaut werden. Als mit der spanischen Eroberung die Verelendung einsetzte, bekämpften weite Teile der Bevölkerung damit Hunger- sowie Kälteempfinden und steigerten ihre Leistungsfähigkeit. Nach Isolierung des Wirkstoffs um 1860 zunächst Einsatz als Lokalanästhetikum und Antidepressivum. „Kokainwelle“ in Künstler- und Intellektuellenkreisen in den 1920er-Jahren, Renaissance in den 1970er-Jahren und seit Anfang der 1990er-Jahre als „Leistungsdroge“.Synonyme: Coke, Schnee, Koks; Crack und Rocks (für Crack)Abwärts: „If you wanna get down, downon the ground, Cocaine", JJ Cale, 1976

Marihuana getrocknete und zerkleinerte Teile der weiblichen HanfpflanzeWirkstoff: Tetrahydrocannabinol (THC), Wirkstoffgehalt je nach Herkunft zwischen 1 und 7 Prozent; niederländische Treibhauszüchtungen (Skunk, Sinsemilla, Nederwiet) bis zu 22 Prozent Ò CannabisBeat-Poetologie: „Solche Sachen könnte ich auf Gras ohne Ende machen“, schreibt Jack Kerouac seinem Freund Allen Ginsberg.

MethadonWirkstoff: synthetisch Ò OpioideKonsumform: in Pulver- oder Tabletten-form, als Tropfen oder Sirup; orale Einnahme bei legaler Nutzung im Rahmen einer Substitutionstherapie für Heroin-abhängige; illegale Nutzung sowohl oral als auch intravenösWirkung: ähnlich wie andere Opioide, jedoch schwächer und zeitverzögerterPrävalenz: Lebenszeitprävalenz wird auf 0,2 Prozent geschätzt Risiken: Abhängigkeit, Tod bei massiver Überdosierung Herkunft und Geschichte: Erstmals

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1939 von I.G. Farben als „Va 10820“ synthetisiert und zunächst in kleineren Mengen ab 1942 unter dem Namen „Amidon“ als Schmerzmittel produziert, bevor es 1947 in den USA in „Metha-don“ umbenannt wurde. Ab Ende der 1940er-Jahre Einsatz in den USA, um die Entzugserscheinungen heroinabhän-giger Patienten zu kompensieren; in Deutschland (als „Polamidon“) ab 1950. Erstes experimentelles Methadonpro-gramm in Deutschland zwischen 1973 und 1975 in Hannover. Etablierung von Substitutionsprogrammen mit Methadon als Ergebnis positiver Forschungs-arbeiten in Deutschland ab etwa 1990. Synonyme: Dolly, Doll, Red RockHeilung: Dass Methadon (Amidon) vor 1945 als „Adolphine“ in den Handel kam, erwies sich als „urbane Legende“ im New York der 1970er-Jahre, um durch Assozi-ationen an das NS-Regime die Methadon-Substitutionstherapie zu diskreditieren.

Opioide (wirksam u.a. in Mor-phium, Opium, Heroin, Codein etc.)Wirkstoffe: natürlich vorkommende oder synthetisierte Substanzen, die sogenannte Opioid- oder μ-Rezeptoren im Gehirn und im Rückenmark stimulieren Konsumform: geraucht, gegessen, geschnupft oder intravenös injiziertWirkung: vom überschwänglichen Glücks-gefühl (Heroin) bis fantasieanregend und (erotische) Halluzinationen auslösend Prävalenz: Die Zahl der „problema-tischen Opioidkonsumenten“ wird auf 1,4 Millionen Europäer geschätzt. Drei Prozent aller drogeninduzierten Todesfälle unter Europäern zwischen 15 und 30 Jahren hängen mit Opioiden zusammen. Risiken: starke Abhängigkeit, Tod bei Überdosierung, schwere Entzugserschei-nungen („Turkey“) – vor allem bei Heroin Herkunft und Geschichte: Opioide traten vor über 8.000 Jahren in der heu tigen Türkei als Opium auf, der aus dem Schlaf-mohn gewonnen wurde. Ge nutzt wurde der zu Pillen verarbeitete Saft angeritzter unreifer Mohnkapseln als schmerzstillende Medizin. Geraucht wird Opium erst seit der Entdeckung Amerikas durch die Europäer,

die Tabak und Pfeife nach Europa brach-ten. Nach China kam Opium im 17. Jahr-hundert über das heu tige Indonesien. Als Schmerzmittel wurde Opium in Europa vorwiegend ab dem 18. Jahrhundert ein-gesetzt. Morphin als wichtigstes Haupt-alkaloid wurde 1804 aus dem Opium isoliert; Heroin mit seinem noch größeren Sucht potenzial 1898 synthe tisiert. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verlagerte sich der medizinische Gebrauch, vor allem von Heroin, auf den Missbrauch als illegale Droge, die haupt sächlich im „Goldenen Dreieck“ zwischen Thailand, Laos und Myanmar sowie in Afghanistan (vor)produziert wird. Opioide bilden in Deutschland die Haupt droge bei der Hälfte aller Drogenthera pie nachfragen. Nadel und Schaden: „I have seen the needle, and the damage done“. Neil Young besingt 1972 auf dem Album „Harvest“ den Niedergang eines heroin-abhängigen Gitarristen.

Opium Wirkstoff: Morphin Ò OpioidAlles geregelt: „Wer Opium rauchen will, hat persönlich einen Erlaubnis-Schein beim zuständigen Opium-Beamten zu lösen. Die Gebühr für diesen Schein beträgt monatlich einen Dollar und ist vierteljährlich im Voraus zu entrichten.“ Paragraph 5 der 1912 vom Kaiserlichen Gouverneur Meyer-Waldeck in Tsingtau erlassenen „Verordnung über Opium“.

Speedball Mischung von Kokain mit Morphium oder HeroinRedaktionsschluss: Der Arzt Lord Dawson of Penn spritzte dem todkranken britischen King George V. am 20. Januar 1936 gegen 23.55 Uhr eine tödliche Mischung aus Kokain und Morphium, „damit die Nachricht vom Tod des Königs noch die Morgenausgaben der Zeitungen erreichen …“.

Valium Ò BenzodiazepineWenn die Kleinen nerven: „And though she’s not really ill, there’s a little yellow pill“ („Mother’s Little Helper“, The Rolling Stones, 1965)

Die Beiträge im Drägerheft informieren über Produkte und deren Anwendungs möglichkeiten im Allgemeinen. Sie haben nicht die Bedeutung, bestimmte Eigen -schaften der Produkte oder deren Eignung für einen konkreten Einsatzzweck zuzusichern. Alle Fachkräfte werden aufge for-

dert, ausschließlich ihre durch Aus- und Fortbildung erworbenen Kenntnisse und praktischen Erfahrun-gen anzuwenden. Die Ansichten, Meinungen und Äuße-rungen der namentlich genannten Personen sowie der externen Autoren, die in den Texten zum Ausdruck kommen, entsprechen nicht notwendigerweise der Auffassung der Dräger werk AG & Co. KGaA. Es handelt sich ausschließlich um die Meinung der jeweil igen Personen. Nicht alle Produkte, die in dieser Zeitschrift genannt wer den, sind weltweit erhältlich. Ausstattungs -pakete können sich von Land zu Land unter schei den. Änderungen der Produkte bleiben vorbehalten. Die ak tuellen Informatio nen erhalten Sie bei Ihrer zuständigen Dräger-Vertretung. © Drägerwerk AG & Co. KGaA, 2013. Alle Rechte vorbehalten. Diese Veröffent lichung darf weder ganz noch teilweise ohne vorherige Zustimmung der Drägerwerk AG & Co. KGaA wiedergegeben werden, in einem Datensystem gespeichert oder in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise, weder elektronisch noch mechanisch, durch Fotokopie, Aufnahme oder andere Art übertragen werden.

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Blaum

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Marihuana

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