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14 boote 3/09 REPORTAGE 80 Nord „Expedition Eis“: Im vergangenen Jahr nahm Extremskipper Harald Paul mit seiner Ehefrau Silvia wieder Kurs auf den hohen Norden. „Die Bäreninsel, Spitzbergen und darüber hinaus“, lau- tete der Plan. Es wurde ein Törn bis an die Grenzen des Möglichen ... D as hat uns gerade noch gefehlt! Mitten im See- gebiet Folla nördlich von Trondheim,also auf halbem Wege die norwegische Küste hinauf, setzt plötzlich trotz halb- vollem Tank ohne jede Vorwar- nung unser Diesel aus! Dabei hat er schon knappe 4000 Betriebsstunden auf dem Buckel und alle Kinderkrank- heiten längst überstanden. Ein Blick auf den Tiefenmesser be- ruhigt mich etwas: 150 m unter dem Kiel der „Gypsy Life“.Viel Abdrift können wir uns aber trotzdem nicht erlauben. We- nigstens das Wetter ist uns in dieser Notsituation einmal gnä- dig, mit Sonnenschein, kaum Wind und wenig Seegang. Silvia hält Ausschau nach plötzlich auftauchenden Schif- fen, während ich mich auf Feh- lersuche „in den Keller“ begebe. Im Blaumann tauche ich in den Maschinenraum ab, kontrollie- re die Bilge, die Sichtgläser der Dieselfilter und die Schlauch- verschraubungen. Vielleicht ist Luft in die Lei- tungen gelangt? Nichts. Zweite Kontrolle, wieder nichts. Die Küste, zuvor nur ein schmaler Strich, kommt näher. Jetzt zeigt das Echolot nur noch 60 m, und je flacher es wird, desto größer wird auch die Gefahr von ge- fährlichen Klippen unter der Wasseroberfläche. Also raus mit dem Anker, für diese Tiefe haben wir genug Kette. 0
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Oct 19, 2020

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REPORTAGE

80 Nord

„Expedition Eis“: Im vergangenen Jahrnahm Extremskipper Harald Paul mitseiner Ehefrau Silvia wieder Kurs aufden hohen Norden. „Die Bäreninsel,Spitzbergen und darüber hinaus“, lau-tete der Plan. Es wurde ein Törn bis andie Grenzen des Möglichen ...

Das hat uns gerade nochgefehlt! Mitten im See-gebiet Folla nördlich

von Trondheim,also auf halbemWege die norwegische Küstehinauf,setzt plötzlich trotz halb-vollem Tank ohne jede Vorwar-nung unser Diesel aus!

Dabei hat er schon knappe4000 Betriebsstunden auf demBuckel und alle Kinderkrank-heiten längst überstanden. EinBlick auf den Tiefenmesser be-ruhigt mich etwas: 150 m unterdem Kiel der „Gypsy Life“. VielAbdrift können wir uns abertrotzdem nicht erlauben. We-nigstens das Wetter ist uns indieser Notsituation einmal gnä-dig, mit Sonnenschein, kaumWind und wenig Seegang.

Silvia hält Ausschau nachplötzlich auftauchenden Schif-fen, während ich mich auf Feh-lersuche „in den Keller“ begebe.Im Blaumann tauche ich in denMaschinenraum ab, kontrollie-re die Bilge, die Sichtgläser derDieselfilter und die Schlauch-verschraubungen.

Vielleicht ist Luft in die Lei-tungen gelangt? Nichts. ZweiteKontrolle, wieder nichts. DieKüste, zuvor nur ein schmalerStrich, kommt näher. Jetzt zeigtdas Echolot nur noch 60 m,undje flacher es wird, desto größerwird auch die Gefahr von ge-fährlichen Klippen unter derWasseroberfläche. Also rausmit dem Anker, für diese Tiefehaben wir genug Kette.

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Unter der Polarsonne –doch der Eindrucktäuscht: So strahlendwie an diesem Tag imKrossfjord im Nord-westen Spitzbergenszeigte sich der nordischeSommer nur selten.

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REPORTAGE

Schneetreiben im Hoch-sommer: „Gypsy Life“ an ihrem letzten Anker-platz vor dem Angriff aufden 80. Breitengrad,einem kleinen, unwirt-lichen Fjord an der Nord-westspitze Spitzbergens.

Kalte Momente (v.l.n.r.):auf der Überfahrt zurBäreninsel, einsames Walross im Packeis vor derNordküste Spitzbergens,der Krossfjord im Nord-westen der Insel, Delfinein der Barentssee.

Lange warten wir auf den richtigen Zeitpunkt für die Überfahrt

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Nun wird alles auseinander-genommen und gereinigt, dieFilter gewechselt. Die helle nor-dische Nacht wird durchgear-beitet – und am nächsten Mor-gen startet der Motor wiedereinwandfrei! Doch echte Ruhewill sich bei mir nicht einstel-len,da ich die Ursache nicht fin-den konnte. Und ein längererTestlauf bestätigt die Befürch-tungen: Statt 3000 Umdrehun-gen bei Volllast schafft der Yan-mar nur 1800! Also wieder reinin den Blaumann, ran an Tur-bolader und Einspritzdüsen.

Langsam verfestigt sich derVerdacht, dass das Problem garnicht bei unserem treuen Yan-mar-Diesel liegt, sondern imKraftstoff selbst. In den Kunst-stoffkanistern, die oben aufdem Dach festgelascht sind, hatsich eine braune, klebrige Mas-se am Boden festgesetzt. Späte-re Laboruntersuchungen wer-den zeigen, dass es sich umDieselbakterien handelt.

Die Telefone glühen: Bei Yan-mar werden alle Hebel in Be-wegung gesetzt, sogar ein vier-köpfiges Spezialistenteam zu-sammengestellt. Das Ergebnis:Eine neue Verteilereinspritz-pumpe muss her! In sieben Ta-gen macht das Teil die weiteReise von Japan nach Norwe-gen; eine Messuhr,die zum Ein-bau der Pumpe benötigt wird,wartet schon einen Hafen wei-ter in Tromsø auf uns. NeueEinspritzdüsen werden direktnach Spitzbergen geschickt.Aufatmen an Bord – unsere Ex-pedition findet kein vorzeitigesEnde. Unser Dank gilt allenHelfern!

Viel Welle, wenig Schlaf:rund um die Bäreninsel

Tage später liegen wir in Tors-vaag, einem kleinen Fischerei-hafen etwa 60 sm nördlich vonTromsø, und warten auf einengünstigen Zeitpunkt für dieÜberfahrt nach Bjørnøya, der

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REPORTAGE

Bäreninsel. Die sich ständigdrehenden Winde machen mirSorgen, weil die Barentssee soständig unter wechselndenStrömungen leidet und nie zurRuhe kommt. Jedoch beobach-ten wir, dass es zum Abend hinregelmäßig etwas ruhiger wird.Mein Plan deshalb: Zwei gan-ze Tage werden wir für die gut 260 sm benötigen.Tagsüberwird „gearbeitet“, nachts dannbei sanfteren Bedingungen„ausgeruht“. Jetzt brauchen wirnur noch etwas Glück!

Gerade als wir am Morgenauslaufen wollen, kommt aller-dings eine ziemlich gebeuteltefranzösische Segelyacht in denHafen. Das Paar an Bord ist am

Ende seiner Kräfte:Auf halbemWeg nach Bjørnøya musstendie beiden umdrehen,zu unbe-ständig war der Wind, zu raudie See. Mir macht derweil eineandere Sache viel mehr Sorgen:Mein rechter Fuß ist sehr stark

geschwollen und rot-bläulichverfärbt. Habe ich mir eineAder verletzt? Langes Sitzen amSteuerstand wird so nicht gera-de angenehmer. Wir legen ab,obwohl das Thermometer auf

Auf Leben und Tod: Wal-knochen vor einer aufgege-benen Walfangstation beiKap Toskana im SüdenSpitzbergens (l.). Junge Eismöwe im Nistplatz (r.)

Eingekeilt auf dem Boden zwischenSitzecke und Steuerstand

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2° C fällt und Nebel aufzieht.Mit 4-5 Beaufort bläst es ausNordost. Als wir aus der Land-abschirmung der letzten kahlenSchären heraus sind, geratenwir schnell in den Schwell deroffenen See. Immer wieder holtdas Schiff mächtig über, wirdvon Steuerbord nach Backbordgeworfen. Doch unser erhebli-ches Zusatzgewicht dämpft dieBewegungen.

Deswegen ist es auch nicht dieWellenhöhe, die die Überfahrtzur Schwerstarbeit macht, son-dern die kurze Frequenz zwi-schen den Kämmen. Gute 4 kn Fahrt sind im Durchschnittdrin,mehr nicht. Immer wiederschlägt der Krängungsanzeiger

wild aus. Auf dem Boden zwi-schen Sitzecke und Steuerstandeingekeilt, versucht jeweils der,der nicht am Steuer sitzt, einbisschen Ruhe zu bekommen.Auch an Essen ist kaum zu den-ken, ein paar kalte Bissen zwi-schendurch müssen reichen.

Endlich dann, nach 51 har-ten Stunden, kommt Land inSicht: Es ist die graue, unwirtli-che Felsküste von Bjørnøya.Dader Wind auf Nordwest gedrehthat, wählen wir den Weg an derOstküste hinauf. Gut geschütztin einer flachen Bucht, findenwir dort vor Anker endlich denwohlverdienten Schlaf.

In den nächsten Tagen tastenwir uns langsam nach Norden,

bis uns der Wind mit 5-6 Beau-fort vor der Nordküste wiedervoll trifft. Eine ungewöhnlichharte und steile See baut sichhier auf, und unser Schiff musswieder ganze Arbeit leisten.Tiefe Wellentäler und peit-schende Kämme machen einekurze Strecke von nur 15 smzum echten Horrortrip!

Etwa eine Woche trotzen wirden wechselnden Winden unddem chronischen Schlafman-gel, dann dreht es endlich aufSüdost – und wir haben dieachterliche Brise, die wir fürden nächsten langen Schlagbenötigen, die 180 sm nachSpitzbergen. Unser Ziel: DerHornsund, eine weite, verwin-

kelte Bucht an der Südwest-küste des Archipels.

Eisbären und Touristen:auf Spitzbergen

Doch eine Schreckensmeldungbegleitet uns:Von einem Seglerhaben wir erfahren, dass erstvor wenigen Tagen eben dorteine Handvoll Segelyachtenvom Packeis eingeschlossenworden sei und nur ein herbei-gerufener Eisbrecher aus Lon-gyearbyen das Schlimmste ver-hindern konnte!

Bei unserer Ankunft dort istdavon zum Glück nichts mehrzu sehen, nur einige blaueBrocken Gletschereis treibenauf der weiten Oberfläche des

Erhabene Augenblicke:feuriger Himmel vor der Nordküste der Bären-insel (gr. Bild), gemein-sam mit der königlichenYacht „Norge“ im NordenNorwegens unterwegs(o.) und im Schein derMitternachtssonne vorden Lofoten (u.).

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REPORTAGE

Hornsunds. Bald rasselt derAnker in die Tiefe – wie wir unsauf den Landgang freuen!

Doch als wir schon bereit imSchlauchboot sitzen und geradeablegen wollen,halten wir inne.Auf dem steinigen Strand trot-tet ein Eisbär hin und her undhebt immer wieder die Schnau-ze witternd in unsere Richtung.Wir warten mit unserem Aus-flug,bis er wieder abgezogen ist.

Aber auch sonst empfängtuns Spitzbergen wenig gast-freundlich: Von Südost jagt derWind mit bis zu 9 Beaufort inunseren Unterschlupf, immerwieder müssen wir verlegen undaufpassen,dass uns das Eis nichteinkesselt.Die wenigen Stundenohne Wind nutze ich, um derpolnischen Polarstation einenBesuch abzustatten, die denGletscher hier dreidimensionalvermisst. Die Meinung der For-scher ist einhellig: Um 40 mschrumpft die Gletscherzungepro Jahr, ein klares Anzeichender globalen Erwärmung.

Zusätzlich zum Klimawandeldroht dem sensiblen Ökosys-

tem Spitzbergens aber nochGefahr von ganz anderer Seite:Der Tourismus ist explodiert.Seit unserem letzten Besuchhier hat sich der Schiffsverkehrverzehnfacht, ganze Flotillenvon schweren Schlauchbootenbringen Scharen von Kreuz-fahrtpassagieren von ihren an-kernden Schiffen an Land.

Der für das Auge kaum wahr-zunehmende Schaden ist ge-waltig: Durch die Tritte wirdder empfindliche Oberbodenderart verdichtet, dass die fei-

Witternd hebtder Eisbär dieSchnauze in unsere Richtung

Erster Landfall: Während die Smelne 1100 im Hornsund im Südwesten Spitzbergens vor Anker liegt, geht es mit dem Schlauchboot an Land. Das Gewehr zur Eisbär-Abwehr ist immer dabei.

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Auf Nordkurs In sieben Monatenlegte die „Gypsy Life“, ein speziellumgebauter und ausgerüsteterStahlverdränger vom Typ Smelne1100, in 1100 Betriebsstunden etwa5800 sm zurück. Für das Skipper-

paar Harald und Silvia Paul war esnicht der erste Törn nach Spitzber-gen:Schon 2002 sorgten die beidenfür Schlagzeilen, als sie die Insel miteiner nur 7,10 m langen Nidelv 24ansteuerten (siehe BOOTE 6/2004).

Der Törn auf DVD Diese ganzeaußergewöhnliche Reise der„Gypsy Life“ gibt es auch alsspannende DVD von HaraldPaul: DVD-Video, 80 min. Lauf-zeit, Bonusmaterial, 24,90 €.Bezugsquelle: www.bereit-videofilm.de

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nen Wurzeln der Pflanzen keinWasser mehr aufnehmen kön-nen und der ohnehin schonspärliche Bewuchs abstirbt.

Noch vor sechs Jahren warSpitzbergens Verwaltungszen-trum Longyearbyen nach mei-nem Empfinden eine gemütli-che Kleinstadt, die Arbeit amHafen ging eher entspannt vorsich. Jetzt beherrschen Lkws,Lader und Bagger das Bild,überall wird umgegraben.

Ein hoher Zaun versperrtden Zugang zum Kai, die Ruheist weg, der Alltagsstress derrestlichen Welt eingekehrt.Auch das liegt an den Touris-tenströmen, deren Schiffedraußen im Isfjord ankern.DerVerkehr in der Bucht hat so zu-genommen, dass sogar wir ei-nen Ankerball setzen müssen.

Schnell bunkern wir etwasFrischkost, holen die neuenEinspritzdüsen für den Yanmaram Flughafen ab und machenuns wieder aus dem Staub.

Eis bis zum Horizont – aber endlich am Ziel!

In kleinen Schritten kletternwir Breitengrad um Breiten-grad nach Norden. Im Kross-fjord, nahe einer ehemaligendeutschen Wetterstation ausdem Zweiten Weltkrieg, kon-trolliert uns ein Polizeiboot, obwir neben der Registrations-karte auch die vorgeschriebe-nen Abwehrmittel gegen Eis-bären an Bord haben: Gewehrinklusive Blitz- und Knallpa-

tronen. Wir haben alles dabei,und mit vielen guten Ratschlä-gen und den Informationen derneuesten Eiskarten lassen unsdie Gesetzeshüter weiterziehen.

Unser Ziel, 80° Nord, ist jetztin scheinbar greifbare Nähegerückt. Doch dann treffen wirbei 79° 56’ auf erste größerePackeisfelder weiter südlich alserwartet. Die Dichte nimmtschnell zu, und ein paar Ka-bellängen südlich unserer „Ziel-linie“ geht gar nichts mehr.

Aber selbst bis hierher habenwir viel riskiert. Ringsumherdehnt sich eine kalte, weißeWüste aus – Eis, nichts als Eis.Hin und wieder dröhnen oh-renbetäubendes Krachen undpeitschendes Knallen durchden Stahlrumpf, wenn eineScholle unter dem Bug zerbirst.

Nur einige Minuten könnenwir uns auf dieser Position hal-ten, denn Wind und Strömungverschieben das Eis blitzschnellund können uns den Rückwegabschneiden.Ich gebe dem Yan-mar die Sporen und bugsieredie „Gypsy Life“ durch die letz-te Lücke zurück in etwas offe-neres Wasser.

Was nun? Haben wir etwaschon verloren? Nun zieht auchnoch Nebel auf,aus dem heraus

bald sogar Schnee fällt. SilviasGesicht spricht Bände, doch alswir uns fast schon darauf ge-einigt haben, aufzugeben, reißtplötzlich der Himmel erneut

auf! Jetzt oder nie muss derzweite Versuch stattfinden.

Langsam tasten wir uns andem großen Treibeisfeld ent-lang nach Osten, dessen Kantenun tatsächlich leicht nachNorden zurückweicht! Und

dann meldet unser GPS, dasswir es doch noch geschafft ha-ben: „80° 00,00‘ N“ zeigen dieDigitalziffern. Her mit der Ka-mera für das Beweisfoto! End-lich kann ich die letzten Skepti-ker überzeugen, dass auch einMotorboot von 11,70 m Längezu einer solchen Tour fähig ist.

Aber wie steht es nun mit derUmrundung Spitzbergens? Ne-bel und Schneefall halten unsdie nächsten acht Tage in einerkleinen Bucht fest. Stetig drehtder Wind um Nord und bringtimmer mehr Eis vom polarenPack zu uns herunter.Zwar sindes nur knapp 80 sm auf Ostkursbis zur Hinlopenstraße, die unszurück nach Süden bringenwürde. Doch ob die schmaleDurchfahrt nicht schon längstvom Eis verriegelt ist, wissen

Prächtiger Fang: HaraldPaul mit einer Seeforelleim Sognefjord im Süden

Norwegens. FrischerFisch war willkommen.

Bis zum Horizontdehnt sich diekalte, weißeWüste aus Eis

Wegpunkte (v.l.n.r.): bei Kap Lindesnes ganz zu Beginn des Abenteuers in Südnorwegen, der Dieselfilter muss gereinigt werden und „Gypsy Life“ an der Pier von Torsvaag, vor der Überfahrt zur Bäreninsel.

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wir nicht. Und wenn wir auf-brechen, und hinter uns die„Tür zufällt“? Das Risiko ist zugroß, wir kehren um.

Als wir am Tag darauf an ei-nem sicheren Ankerplatz mitder Besatzung eines Patrouil-lenbootes beim Kaffee sitzen,hören wir, dass selbst Kreuz-fahrtschiffe mit Eisklasse esnicht immer bis 80° Nord schaf-fen, ganz zu schweigen von ei-nigen anderen „Abenteurern“:Sogar eine Gruppe Paddler ha-

be sich anmelden wollen, er-zählt ein Polizist, um mit demKajak zum Nordpol zu fahren.Deren Annahme, dass der Wegdorthin aufgrund des Klima-wandels längst frei sei, sorgt fürSchmunzeln ringsum.

Wie das Wiener Schnitzeldoch noch verloren ging

In großen Etappen geht es ander Westküste entlang zurückRichtung Sørkapp, das sich alsSprungbrett für die Überfahrt

nach Grönland bestens eignet.Doch ob das Wetter mitspielt,istnach den Erfahrungen der ver-gangenen Wochen zweifelhaft.

Trotz allem studiere ich die Seekarte des EuropäischenNordmeeres: Etwa 530 sm Luft-linie auf westlichem Kurs wür-den vor uns liegen. Per Satelli-tentelefon hole ich aus Tromsøden aktuellen Eisbericht ein:Al-les sei eisfrei, heißt es. Der Wet-terbericht verspricht für dienächsten Tage wechselnde Win-de um 3 Beaufort,also machbar.

Bei Smelne, unserer Werft inden entfernten Niederlanden,kündigen wir an, dass wir diePassage in Angriff nehmen wol-len. Ob wir noch einen beson-deren Wunsch hätten? „Ja“,ant-worte ich,„ein schönes WienerSchnitzel bei der Heimkehr!“

Es geht los: Noch einmal wer-den alle Schrauben vom Mastbis zur Bilge kontrolliert, Die-selfilter und Ölstände über-prüft, Kraftstoffvorrat und

-verbrauch berechnet, alle Si-tuationen durchgespielt.

Anker auf! Mit großer Bug-welle geht es bei überraschendruhiger See hinaus in die Weitedes Nordmeeres. Obwohl allesreibungslos läuft,überfällt michum Mitternacht ein mulmigesGefühl: Schon Anfang Augusteinsetzende Schneefälle,so weitsüdlich bei Spitzbergen Eis,undda melden die Norweger besteBedingungen für Grönland?

Die Unruhe wächst. Im„Handbuch für den NautischenFunkdienst“ finde ich die Num-mer des Eisdienstes in Grön-land. Der Anruf per Satelliten-telefon lässt mich erblassen:90 % Eisbedeckung im Küsten-verlauf bis hinunter zum 73. Breitengrad, südlich davon„Growler“, also gefährliche Eis-brocken, die dicht unter derWasseroberfläche treiben undschwer auszumachen sind!„Sind Sie ein Eisbrecher?“, fragtder Mann am Telefon.

Eine Neuberechnung derStrecke weiter südlich würdedie Fahrtstrecke um die Hälfteverlängern, für die fraglichenExtratage sagt der Seewetterbe-richt aber 5-7 Beaufort aus Süd-west voraus. Wir müssten alsogenau gegenan.

Das Wiener Schnitzel magdamit vielleicht verspielt sein.Aber unsere „Expedition Eis“hat ihrem Namen auch ohneden Umweg über Grönlandschon genug Ehre gemacht!„Gypsy Life“ wendet ihren Bugwieder der Bäreninsel zu. Esgeht heimwärts!

Mystisches Panorama: Leichte Nebelschwaden schweben über dem spiegelglatten Hornsund im Südwesten Spitzbergens. Auf dem Dach: die verunreinigten Dieselkanister.

„Sind Sie ein Eisbrecher?“,fragt der Mannam Telefon

TEXT UND FOTOS:HARALD PAUL

Kontrast: Auch derHeimweg führt wiederüber das hochsommer-liche Südnorwegen.

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